Inhaltsverzeichnis
- Intro
- Eine der bekanntesten Eidechsen Europas
- Auffällige Farben im Frühjahr
- Wärme ist lebenswichtig
- Geschickter Insektenjäger
- Fortpflanzung
- Ist die Zauneidechse selten?
- Warum ist die Zauneidechse auf Sylt so besonders?
- Citizen Science auf Sylt
- Wer eine Eidechse entdeckt, kann selbst helfen
- Ein Hoffnungsschimmer für den Naturschutz
- Quellen
Intro
Mehrere aktuelle Sichtungen der Zauneidechse auf Sylt sorgen derzeit für Aufmerksamkeit. Über den Instagram-Kanal @naturschutzbotschaft_sylt berichten die Initiatoren ihrer Citizen-Science-Aktion, dass sie inzwischen fast täglich Bilder von Eidechsen erhalten. Für Naturfreunde sind das spannende Aufnahmen – für Biologen sind sie wertvolle Daten. Denn die Zauneidechse (Lacerta agilis) zählt auf Sylt zu den seltensten Reptilien der Insel.
Doch was macht diese Echse so besonders? Warum gilt jede Sichtung als bemerkenswert? Und wie kann jeder Spaziergänger dazu beitragen, mehr über die Verbreitung dieser geschützten Art zu erfahren?
Eine der bekanntesten Eidechsen Europas
Die Zauneidechse gehört zur Familie der Echten Eidechsen (Lacertidae) und ist neben der Waldeidechse eine der bekanntesten heimischen Reptilienarten. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Südengland über weite Teile Mitteleuropas bis zum Baikalsee in Russland. In Deutschland kommt sie grundsätzlich in allen Bundesländern vor, allerdings mit deutlichen regionalen Unterschieden.
Während sie in Süd- und Ostdeutschland vielerorts noch vergleichsweise häufig anzutreffen ist, nehmen die Bestände nach Norden deutlich ab. Schleswig-Holstein bildet den nördlichen Rand ihres natürlichen Verbreitungsgebietes – entsprechend selten sind stabile Populationen.
Auffällige Farben im Frühjahr
Mit einer Gesamtlänge von bis zu 24 Zentimetern gehört die Zauneidechse zu den größten heimischen Eidechsenarten.
Besonders auffällig sind die Männchen während der Paarungszeit im Frühjahr. Dann färben sich Kopf und Flanken intensiv grün – ein Farbkleid, das sie von anderen heimischen Echsen sofort unterscheidet.
Weibchen und Jungtiere sind deutlich dezenter gefärbt. Sie besitzen eine braune bis beige Grundfärbung mit hellen Längsstreifen und den typischen weißlichen, schwarz umrandeten Flecken auf Rücken und Flanken. Diese Rückenzeichnung ist bei jedem Tier individuell und bleibt ein Leben lang erhalten. Fachleute können dadurch einzelne Tiere teilweise sogar wiedererkennen.
Wärme ist lebenswichtig
Wie alle Reptilien ist auch die Zauneidechse wechselwarm. Sie erzeugt ihre Körperwärme nicht selbst, sondern nutzt die Sonne.
An warmen Tagen beginnt der Tag deshalb meist mit einem ausgedehnten Sonnenbad. Erst wenn die notwendige Körpertemperatur erreicht ist, geht die Eidechse auf Nahrungssuche.
Deshalb bevorzugt sie Lebensräume, die mehrere Voraussetzungen gleichzeitig erfüllen:
- offene Sandflächen
- niedrige Vegetation
- sonnige Bereiche
- Versteckmöglichkeiten unter Sträuchern oder Totholz
- lockere Böden zur Eiablage
Genau diese Kombination findet sich beispielsweise in Heide- und Dünenlandschaften oder an strukturreichen Wegrändern.
Geschickter Insektenjäger
Die Zauneidechse ernährt sich ausschließlich von kleinen Tieren. Auf ihrem Speiseplan stehen unter anderem:
- Käfer
- Heuschrecken
- Spinnen
- Ameisen
- Fliegen
- Raupen
- Asseln
- Regenwürmer
Damit erfüllt sie gleichzeitig eine wichtige ökologische Funktion und trägt zur natürlichen Regulierung verschiedener Insektenpopulationen bei.
Fortpflanzung
Nach der Winterruhe beginnt im Frühjahr die Paarungszeit.
Anders als die Waldeidechse bringt die Zauneidechse keine lebenden Jungtiere zur Welt, sondern legt ihre Eier in lockeren, gut erwärmten Sandboden.
Je nach Alter legt ein Weibchen meist zwischen fünf und fünfzehn Eier ab. Nach rund zwei bis drei Monaten schlüpfen die wenige Zentimeter großen Jungtiere vollständig selbstständig.
Ist die Zauneidechse selten?
Die Antwort lautet: Ja – allerdings regional unterschiedlich.
Deutschlandweit wird die Art derzeit auf der Vorwarnliste der Roten Liste geführt. Sie gilt damit noch nicht als unmittelbar vom Aussterben bedroht, ihre Bestände gehen jedoch vielerorts zurück.
In Schleswig-Holstein wird die Situation deutlich kritischer bewertet. Hier gilt die Zauneidechse als stark gefährdet.
Zusätzlich genießt sie einen besonders hohen gesetzlichen Schutz. Sie ist in Anhang IV der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) der Europäischen Union aufgeführt und nach Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt.
Das bedeutet unter anderem:
- Tiere dürfen nicht gefangen oder verletzt werden.
- Eier dürfen nicht entnommen werden.
- Fortpflanzungs- und Ruhestätten dürfen nicht zerstört werden.
Warum ist die Zauneidechse auf Sylt so besonders?
Für Sylt besitzt die Art eine ganz besondere Bedeutung.
Lange Zeit galt die Zauneidechse auf der Insel als verschwunden. Erst 2013 sorgte ein wissenschaftlicher Fachaufsatz der Herpetologen Christian Winkler und Britta Hussel in der Fachzeitschrift RANA für Aufmerksamkeit. Unter dem Titel „Wiederentdeckung der Zauneidechse auf der Insel Sylt“ dokumentierten die Autoren erstmals seit Jahren wieder gesicherte Nachweise.
Seitdem gelangen immer wieder einzelne Beobachtungen. Dennoch bleibt jeder Fund bemerkenswert, denn belastbare Daten zur tatsächlichen Bestandsgröße existieren bislang kaum.
Citizen Science auf Sylt
Genau hier setzt das aktuelle Projekt der Naturschutzbotschaft Sylt an.
Über den Instagram-Kanal @naturschutzbotschaft_sylt informieren die Projektverantwortlichen regelmäßig über neue Beobachtungen. Dort heißt es aktuell:
„Aktuell bekommen wir fast täglich Bilder von Eidechsen geschickt. Es sind Meldungen über unsere Citizen Science Aktion.“
Jede gemeldete Beobachtung hilft dabei, die tatsächliche Verbreitung von Reptilien auf Sylt besser zu erfassen.
Dabei geht es nicht ausschließlich um die Zauneidechse. Auch Waldeidechsen sowie weitere Reptilien- und Amphibienarten werden dokumentiert.
Die gesammelten Daten unterstützen Naturschutzverbände und Wissenschaft dabei, geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln und Veränderungen der Bestände langfristig zu beobachten.
Wer eine Eidechse entdeckt, kann selbst helfen
Wer während eines Spaziergangs auf Sylt eine Eidechse entdeckt, kann einen wertvollen Beitrag zum Artenschutz leisten.
Die Naturschutzbotschaft Sylt bittet darum,
- ein möglichst scharfes Foto aufzunehmen,
- den Fundort möglichst genau zu notieren,
- und die Beobachtung per E-Mail zu melden.
E-Mail: botschaft@naturschutz-sylt.de
Betreff: Reptilienfund Sylt
Je genauer Foto und Standort dokumentiert sind, desto besser lässt sich der Fund wissenschaftlich auswerten.
Wichtig ist dabei: Die Tiere sollten ausschließlich beobachtet und fotografiert werden. Das Einfangen oder Umsetzen der streng geschützten Zauneidechsen ist gesetzlich verboten.
Ein Hoffnungsschimmer für den Naturschutz
Dass derzeit immer häufiger Eidechsen gemeldet werden, bedeutet nicht automatisch, dass sich die Bestände der Zauneidechse auf Sylt bereits dauerhaft erholt haben. Fachleute weisen darauf hin, dass dafür systematische Erfassungen über mehrere Jahre notwendig sind.
Dennoch sind die aktuellen Meldungen ein positives Signal. Sie zeigen, dass die Art auf der Insel weiterhin vorkommt – möglicherweise sogar häufiger, als bislang angenommen. Jede neue Beobachtung hilft dabei, dieses Bild zu vervollständigen.
Für Spaziergänger wird damit aus einer kurzen Begegnung am Wegesrand ein kleiner Beitrag zum Naturschutz. Und für die Wissenschaft kann genau diese Beobachtung entscheidend sein, um die Zukunft einer der seltensten Reptilienarten Sylts besser zu verstehen.
Quellen
Wissenschaftliche Literatur
- Winkler, Christian & Hussel, Britta (2013): Wiederentdeckung der Zauneidechse (Lacerta agilis) auf der Insel Sylt.RANA – Mitteilungen für Feldherpetologie und Ichthyofaunistik, Band 14, S. 80–81.
- Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT): Reptil des Jahres 2020 – Die Zauneidechse.
- AG Feldherpetologie und Artenschutz (DGHT): Artensteckbrief Zauneidechse (Lacerta agilis).
Behörden und Fachinstitutionen
- Bundesamt für Naturschutz (BfN): Artenporträt Lacerta agilis.
- Bundesamt für Naturschutz: FFH-Richtlinie, Anhang IV.
- Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG).
- Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV).
- Landesamt für Umwelt Schleswig-Holstein: Rote Liste der Amphibien und Reptilien Schleswig-Holsteins.
- Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG): Artensteckbrief Zauneidechse.
- Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN): Artensteckbrief Zauneidechse.
Regionale Informationen
- Naturschutzbotschaft Sylt – Citizen-Science-Projekt zur Erfassung von Reptilien und Amphibien auf Sylt.
- Instagram-Kanal @naturschutzbotschaft_sylt (Hinweis zur aktuellen Citizen-Science-Aktion und den laufenden Sichtungsmeldungen).
- Insel Sylt Tourismus-Service: Informationen zum Citizen-Science-Projekt „Reptilien und Amphibien auf Sylt“.
Titelfoto: von Manfred Richter auf Pixabay
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