Warum man auf Sylt bei einer Lesung nicht unbedingt stillsitzen muss
Kurz vor sieben an einem Montagabend in Westerland. Eigentlich eine Uhrzeit, zu der man langsam darüber nachdenken könnte, wo man noch einen Tisch fürs Abendessen bekommt. Ich stehe stattdessen in der Strandstraße 5 vor Syltkeramik – und werde wenig später mit einem Begrüßungsgetränk empfangen.
Mit Alkohol oder ohne. Die Farbe: Pink.
Passend zu Syltkeramik. Wobei – an diesem Abend vielleicht noch ein bisschen passender zur pinken Ente, die bei Katharina Mosel so etwas wie Kultstatus genießt.
Heute wird nämlich nicht einfach nur Keramik bemalt. Es wird gelesen.
Katharina Mosel ist da. Ihre Bücher hat sie gleich mitgebracht, und später wird sie aus ihrem Sylt-Roman „Brandungsgesang“ lesen. Eine klassische Lesung, bei der man zwei Stunden auf einem Stuhl sitzt, aufmerksam schaut und möglichst an den richtigen Stellen bedeutungsvoll nickt, wird das hier allerdings nicht.
Zum Glück.
Erst einmal: Hände waschen
Bevor Literatur und Kreativität aufeinandertreffen, übernimmt Lutz von Syltkeramik. Er erklärt, wie der Abend funktioniert.
Und der beginnt erstaunlich bodenständig: Hände waschen.
Danach kommt die erste wichtige Entscheidung des Abends. Welcher Keramikrohling soll es werden?
Ist die getroffen, wartet schon die nächste: Wie soll das gute Stück aussehen?
Man kann malen. Man kann blubbern. Man kann sich freihändig versuchen oder, wenn das Vertrauen in die eigene künstlerische Begabung überschaubar ist, zur Schablone greifen.
An Inspiration mangelt es jedenfalls nicht. An der Wand bekommt man eine Ahnung davon, was aus den zunächst teilweise unspektakulär wirkenden Farben nach dem Brennen wird. Voraussetzung für das gewünschte Ergebnis: dreimal auftragen.
Dreimal.
Spätestens jetzt ahne ich, dass Keramikbemalen möglicherweise mehr Geduld verlangt, als Instagram vermuten lässt.

Und plötzlich malen alle
Der Laden ist voll. Erwachsene sitzen neben Erwachsenen, Eltern neben ihren Kindern. Einige sind allein gekommen, andere gemeinsam.
Und während die ersten Pinsel in die Farbe tauchen, beschäftigt mich eine durchaus relevante Frage: Halten die Kinder länger durch als die Erwachsenen?
Noch sieht es danach aus.
Auch Katharina Mosel malt zunächst mit. Das gefällt mir. Die Autorin sitzt nicht irgendwo entrückt und wartet auf ihren Auftritt. Sie gehört für diesen Moment einfach dazu.
Dann kommt „Brandungsgesang“.
Katharina legt den Pinsel zur Seite, nimmt ihr Buch in die Hand und beginnt zu lesen.
Und jetzt passiert etwas, das zunächst ein wenig ungewöhnlich wirkt.
Niemand legt deshalb seinen Pinsel weg.

Lesen, während die Pinsel weiterziehen
Es wird weitergemalt.
Während Katharina liest, entstehen Linien, Punkte und Muster. Jemand sucht die nächste Farbe, ein Pinsel wird ausgewaschen, irgendwo wird konzentriert an einem Detail gearbeitet. Und dazwischen ihre Stimme und die Geschichte.
Normalerweise verlangt eine Lesung Aufmerksamkeit. Hier teilt sie sich diese ganz selbstverständlich mit einer Tasse, einer Schale oder was auch immer gerade vor einem auf dem Tisch steht.
Und genau das funktioniert erstaunlich gut.
Vielleicht sogar deshalb.
Denn die Hände haben etwas zu tun, während der Kopf auf Reisen geht. Man muss niemanden ansehen, muss keine besondere Aufmerksamkeit demonstrieren. Man malt einfach weiter und hört zu.
Ein bisschen Literatur. Ein bisschen Kreativität. Ein pinkes Getränk.
Und ziemlich viel Sylt.

Kleine Pause, große Hilfe
Dann eine kleine Pause.
Katharina Mosel nutzt sie, um kurz zusammenzufassen, was man für den nächsten Teil ihrer Geschichte wissen sollte. Praktisch für alle, die beim Malen vielleicht doch einmal einen Satz verpasst haben – schließlich fordert auch die Entscheidung zwischen zwei Farben gelegentlich die volle Aufmerksamkeit.
Das Team von Syltkeramik nutzt die Unterbrechung ebenfalls. Hier eine kurze Frage zur Farbe, dort Unsicherheit bei der Technik. Nina und ihr Team helfen, erklären oder unterstützen auch mal ganz praktisch.
Dann geht es weiter.

Ein bisschen wie ein Hörbuch. Nur besser.
Inzwischen weiß ich auch, woran mich das Ganze erinnert: ein wenig an ein Hörbuch. Nur eben live.
Man hört einer Geschichte zu und macht währenddessen etwas mit den Händen. Der entscheidende Unterschied: Die Stimme kommt nicht aus dem Lautsprecher. Die Frau, die diese Geschichte geschrieben hat, sitzt tatsächlich nur ein paar Meter entfernt.
Und das verändert die Sache.
Denn natürlich kann man Katharina Mosel anschließend etwas fragen. Warum handelt eine Figur so? Wie ist eine bestimmte Szene entstanden? Wie viel Sylt steckt tatsächlich in „Brandungsgesang“?
Und wer möchte, lässt sich sein Buch signieren.
So nimmt man am Ende neben der selbst gestalteten Keramik vielleicht noch eine zweite, sehr persönliche Erinnerung an diesen Abend mit nach Hause.
Fortsetzung folgt – 2027
Irgendwann sind sich Nina von Syltkeramik und Katharina Mosel ziemlich schnell einig: Das war keine einmalige Sache.
Dieses Konzept verlangt nach einer Wiederholung.
Und die soll es bereits 2027 geben.
Vielleicht ist das am Ende das schönste Kompliment für einen solchen Abend: Wenn er noch gar nicht richtig vorbei ist und man bereits darüber spricht, wann man ihn wiederholen kann.
Und während die letzten Pinselstriche gesetzt werden, denke ich: Es müssen eben nicht immer die großen Events sein, die einen Abend auf Sylt besonders machen.
Manchmal reichen ein Pinsel, ein Keramikrohling, eine gute Geschichte – und eine pinke Ente, die sowieso längst weiß, wie man hier auffällt.
Fotos/Text: Stefan Kny



