Ein gut gefüllter Raum, eine Bestsellerautorin, Geschichten von der Insel und Menschen, die nebenbei Keramik bemalen. Was zunächst nach einem ungewöhnlichen Veranstaltungsformat klingt, entwickelt sich bei Syltkeramik zu einem Abend, der weit mehr bietet als eine klassische Lesung.
Kaum habe ich den Raum betreten, werde ich freundlich begrüßt und bekomme etwas zu trinken angeboten. Es ist gut gefüllt bei Syltkeramik. Die Plätze sind besetzt, auf den Tischen warten bereits die ersten Utensilien für einen kreativen Abend. Man kennt sich, kommt miteinander ins Gespräch, und wer zum ersten Mal dabei ist, gehört irgendwie sofort dazu.

Heute ist Julia Rogasch zu Gast. Die Autorin zahlreicher Sylt-Romane kenne ich bislang nur aus unserem schriftlichen Austausch. Nun stehen wir uns zum ersten Mal persönlich gegenüber. Ebenfalls treffe ich Anke Kiefl vom Bücherwurm Sylt aus der Strandstrasse 13.
Selbstredend gibt es hier alle Romane von Julia.
Das Konzept, eine Lesung mit dem Bemalen von Keramik zu verbinden, hat sich offenbar bewährt. Erst vor wenigen Wochen war hier die Autorin Katharina Mosel zu Gast. Wir berichteten. Und auch an diesem Dienstagabend zeigt sich: Literatur und Kreativität passen erstaunlich gut zusammen.

Erst die Farben, dann die Geschichten
Nina von Syltkeramik begrüßt die Gäste. Anschließend übernimmt das Team und erklärt anschaulich und mit einer guten Portion Humor, welche Möglichkeiten die Keramikmalerei bietet. Ob mit Schablonen, frei Hand oder mit kleinen Hilfsmitteln – hier darf sich jeder ausprobieren. Picasso-Talente ebenso wie Menschen, die zuletzt in der Schule einen Pinsel in der Hand hatten.
Nach der Einführung geht es an die Auswahl der Keramikrohlinge. Teller, Tassen und andere Stücke warten darauf, gestaltet zu werden. Die Gäste suchen sich ihre Favoriten aus, waschen sich die Hände, holen Farben und Pinsel und richten sich an ihren Plätzen ein.
Erst als alle vorbereitet sind, beginnt der literarische Teil des Abends.
Julia Rogasch stellt sich und ihre Arbeit vor. Vor ihr liegen ihre Romane, deren Geschichten überwiegend auf Sylt spielen. Wenn sie über die Insel spricht, beginnt sie zu strahlen. Man merkt schnell, wie sehr ihr dieser Ort am Herzen liegt.
Sie erzählt von ihren Büchern, ihren Figuren und den Herausforderungen, vor denen diese stehen. Herausforderungen, die sich oft gar nicht so sehr von denen des wirklichen Lebens unterscheiden. Mit einem entscheidenden Unterschied: Am Ende wird alles gut. Und genau das ist ihr wichtig.
Von Sylt, Sehnsucht und dem Wunsch nach einer heilen Welt
Doch bevor Julia Rogasch mit der eigentlichen Lesung beginnt, spricht sie etwas an, das mich an diesem Abend besonders berührt.
„Man wünscht sich eine Welt wie bei Syltkeramik.“
Ein Satz, bei dem man aufhorcht.
Wir leben in unruhigen Zeiten. Die Nachrichten sind selten beruhigend, vieles erscheint unsicher, und nicht immer fällt es leicht, mit Zuversicht auf das zu schauen, was vor uns liegt. Umso wichtiger sei es, sich kleine Auszeiten zu schaffen. Momente, in denen die Welt für eine Weile ein bisschen freundlicher sein darf.
Genau solche Momente möchte Julia Rogasch mit ihren Wohlfühlromanen ermöglichen.

Ihre Geschichten erzählen von Freundschaft, Verlässlichkeit, Vertrauen und Liebe. Von Menschen, die Schwierigkeiten überwinden, neue Wege einschlagen und dabei entdecken, dass das Gute manchmal näher liegt, als man denkt. Natürlich ist das nicht immer die Wirklichkeit. Aber vielleicht muss Literatur auch nicht ständig die Wirklichkeit in all ihren Schattenseiten abbilden.
Manchmal darf sie einfach guttun.
Und dann macht Julia Rogasch ihren Gastgebern ein schönes Kompliment: Ein solches kleines Stück heile Welt finde man auch hier bei Syltkeramik.

Während Julia liest, entstehen kleine Kunstwerke
Nun beginnt Julia Rogasch zu lesen. Die Gäste haben ihre Rohlinge und Farben längst vor sich. Erste Pinselstriche entstehen, während die Autorin ihre Zuhörer mitnimmt in jene romantische Inselwelt, die sie in ihren Büchern erschaffen hat.

Es ist eine besondere Mischung aus Beschäftigung und Entspannung. Niemand muss still auf einem Stuhl sitzen und ausschließlich nach vorne schauen. Die Hände dürfen etwas tun, während die Gedanken den Geschichten folgen.

Die Einführung des Syltkeramik-Teams war dabei so anschaulich und unterhaltsam, dass sowohl geübte Hobbykünstler als auch absolute Anfänger ihren eigenen Weg finden. Wer frei gestalten möchte, tut das. Wer lieber mit Schablonen arbeitet, bekommt ebenso ein schönes Ergebnis.
Und mittendrin die Stimme von Julia Rogasch, die Geschichten von der Insel erzählt, während auf Tellern und Tassen kleine Kunstwerke entstehen.
Das funktioniert. Und zwar ausgesprochen gut.

Vielleicht brauchen wir alle ein bisschen mehr heile Welt
Während ich den Abend beobachte, denke ich noch einmal über Julia Rogaschs Worte nach.
Ein kleines Stück heile Welt.
Ist das nicht etwas, das wir uns viel häufiger selbst schaffen sollten? Ohne dabei die Augen vor den Problemen der Gegenwart zu verschließen. Ohne so zu tun, als sei alles in Ordnung. Sondern ganz bewusst Räume zu schaffen, in denen Freundlichkeit, Gemeinschaft und Zuversicht ihren Platz haben.
Ein gutes Buch kann ein solcher Raum sein. Ein Gespräch mit Freunden. Ein gemeinsamer Abend, an dem man etwas mit den eigenen Händen gestaltet. Vielleicht sogar ein einfacher Dienstag, der sich für ein paar Stunden ein wenig wie Urlaub anfühlt.
Julia Rogasch schreibt Bücher, in denen die Menschen ihre Schwierigkeiten haben, aber die Hoffnung nicht verlieren. Und am Ende dürfen sie glücklich sein.
Warum eigentlich nicht?

Ein Format, das seine Fortsetzung verdient
Syltkeramik hat mit der Verbindung aus Lesung und Keramikmalerei ein Veranstaltungsformat geschaffen, das offenbar genau den Nerv seiner Gäste trifft. Die gut besuchten Abende zeigen, wie groß das Bedürfnis nach solchen gemeinsamen Erlebnissen ist.
Dass die Idee inzwischen auch in anderen kreativen Bereichen Nachahmer findet, überrascht mich nicht. Sie verbindet Kultur mit eigener Aktivität, ohne dass eines das andere verdrängt.

An diesem Dienstagabend haben Julia Rogasch, Nina und das Team von Syltkeramik jedenfalls gezeigt, wie unkompliziert ein Stück heile Welt entstehen kann.
Man braucht dafür manchmal nicht viel. Ein paar Menschen, ein gutes Buch, etwas Farbe und die Bereitschaft, sich auf einen schönen Abend einzulassen.
Danke für diesen Dienstagabend, der mich auch heute noch beschäftigen wird.

Text und Fotos: Stefan Kny, Syltexklusiv



