Es gibt diese Abende, bei denen man schon auf der Hinfahrt weiß, dass sie in Erinnerung bleiben werden. Eigentlich waren wir zum Grillen eingeladen. Die Aufgaben waren klar verteilt: Einer kümmerte sich um den Grill, ein anderer besorgte das Grillgut – und ich durfte den Part des Grillmeisters übernehmen. Eine willkommene Gelegenheit, endlich meine neue Lederschürze einzuweihen.

Doch wie so oft entwickelte sich der Abend ganz anders als geplant.
Zwischen glühender Holzkohle, einem gut temperierten Glas und Gesprächen über Reisen, Kulinarik und Spirituosen fiel irgendwann das Wort Gin. Bei unseren Gastgebern bedeutet das selten einen gewöhnlichen London Dry. Stattdessen verschwand einer der beiden kurz und kam mit einer kleinen Auswahl an Flaschen zurück, die selbst erfahrene Gin-Liebhaber nicht alle Tage zu Gesicht bekommen: fünf Abfüllungen der Kyoto Distillery, darunter seltene Sondereditionen und experimentelle Kleinserien.
Was folgte, war keine klassische Verkostung. Es war vielmehr eine sensorische Reise durch die Philosophie einer Destillerie, die japanische Handwerkskunst nicht über Lautstärke, sondern über Präzision definiert. KI NO BI versteht Gin nicht als bloßen Wacholderbrand, sondern als Bühne für japanische Botanicals, kulturelle Geschichten und handwerkliche Ideen. Jede Flasche erzählt ihre eigene Geschichte.
KI NO BI 29th Edition – Konzentration statt Effekthascherei
Den Auftakt machte die 29th Edition. Bereits die schwarze Flasche mit der stilisierten Nō-Maske signalisiert, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Abfüllung handelt.
Im Glas zeigt sich zunächst eine zurückhaltende Eleganz. Nichts drängt sich in den Vordergrund. Erst nach kurzer entfalten sich feine Zitrusnoten, florale Akzente und eine würzige Tiefe, die von sauber eingebundenem Wacholder getragen wird. Der Alkohol wirkt bemerkenswert integriert, die Struktur ausgesprochen präzise.
Diese Edition fordert Aufmerksamkeit. Wer sie hastig verkostet, wird nur einen Teil ihrer Aromatik erfassen. Wer ihr Zeit gibt, entdeckt Schicht um Schicht neue Facetten. Genau darin liegt ihr Reiz. Ein Gin, der nicht laut sein muss, um Eindruck zu hinterlassen.
KI NO BI Gold Leaf – Der Klassiker im Festgewand
Als Nächstes folgte der KI NO BI Gold Leaf.
Natürlich ziehen die schwebenden Blattgoldflocken zunächst alle Blicke auf sich. Doch sie sind weit mehr als ein dekorativer Effekt. Hinter der spektakulären Optik verbirgt sich die bekannte Handschrift des klassischen KI NO BI.
Yuzu bringt lebendige Frische, Sansho-Pfeffer sorgt für eine feine pikante Spannung, während Hinoki-Holz und Gyokuro-Tee eine fast meditative Ruhe erzeugen. Alles wirkt ausgewogen, nichts überzeichnet. Gerade diese Balance macht den klassischen KI NO BI seit Jahren zu einem der wichtigsten Vertreter des modernen japanischen Gins.
Das Gold verändert den Geschmack nicht. Es erinnert vielmehr daran, dass japanische Ästhetik häufig gerade in der Verbindung aus Zurückhaltung und besonderem Detail ihren Ausdruck findet.
Sexy Fish – Kyoto trifft internationale Barkultur
Mit dem Sexy Fish Kyoto Citrus Gin wechselte die Stilistik deutlich.
Diese ursprünglich für das gleichnamige Restaurant entwickelte Abfüllung besitzt eine wesentlich offensivere Zitrusaromatik. Yuzu, Orange und weitere japanische Zitrusfrüchte stehen klar im Mittelpunkt. Der höhere Alkoholgehalt von 47 Volumenprozent verleiht dem Gin zusätzliche Spannung und Länge.
Während viele moderne Citrus Gins schnell beliebig wirken, bleibt diese Abfüllung klar strukturiert. Die Frucht dominiert nicht, sondern bildet gemeinsam mit dem Wacholder ein harmonisches Fundament. Der Gin wirkt lebendig, präzise und besitzt genau die Kraft, die man sich für anspruchsvolle Cocktails wünscht.
Gerade im Martini oder in einem hochwertigen Gin Tonic dürfte dieser Gin seine größten Stärken ausspielen.
No Time to Daidai – Mehr als ein Wortspiel
Den wohl charmantesten Namen des Abends trug No Time to Daidai.

Auf den ersten Blick ist es eine augenzwinkernde Anspielung auf den James-Bond-Titel No Time to Die. Tatsächlich steckt jedoch weit mehr dahinter. Daidai (橙) bezeichnet die japanische Bitterorange, die im Mittelpunkt dieser Abfüllung steht. Gleichzeitig bedeutet das gleich klingende Schriftzeichen 代々 im Japanischen „von Generation zu Generation“. Die Frucht erhielt diesen Namen, weil ihre Früchte oft noch am Baum hängen, während bereits die nächste Generation heranwächst – ein Sinnbild für Beständigkeit, Kontinuität und Glück. Gerade zum japanischen Neujahrsfest besitzt die Daidai deshalb eine besondere symbolische Bedeutung.
Sensorisch präsentiert sich der Gin deutlich markanter als ein klassischer Citrus Gin. Die Bitterorange bringt eine prägnante, ätherische Bitterkeit mit, während Yuzu und Navel Orange für Frische sorgen. Mandeln verleihen dem Destillat eine feine Cremigkeit, die die Zitrusnoten harmonisch einbindet.
Es ist kein Gin, der auf schnelle Gefälligkeit setzt. Vielmehr fordert er den Verkoster heraus und belohnt ihn mit einer ungewöhnlichen Tiefe – besonders in einem trockenen Martini.
Arroz de Pato – Wenn ein Gericht zum Gin wird
Den Abschluss bildete die experimentellste Abfüllung des Abends: Distillers‘ Dream Vol. 6 – Arroz de Pato.

Bereits die Zutatenliste überrascht. Entenfett, Safran, Muskatnuss, Sommermandarine und Wacholder lesen sich zunächst eher wie die Einkaufsliste eines ambitionierten Kochs als die Rezeptur eines Gins.
Doch genau darin liegt die Idee. Inspiriert vom portugiesischen Nationalgericht Arroz de Pato interpretiert die Kyoto Distillery nicht einzelne Zutaten, sondern versucht, den kulinarischen Gesamteindruck in flüssiger Form nachzuzeichnen.
Das Ergebnis besitzt eine erstaunliche Tiefe. Die würzigen Komponenten verleihen dem Gin Körper und Textur, während die Sommermandarine Frische einbringt. Trotz der ungewöhnlichen Rezeptur wirkt nichts exzentrisch oder künstlich. Vielmehr entsteht ein ausgesprochen harmonisches Gesamtbild, das zeigt, wie weit sich die Kategorie Gin inzwischen entwickeln kann, ohne ihre Identität zu verlieren.
Es ist jene Art von Experiment, die nicht provozieren möchte, sondern aus echter Neugier entsteht. Genau das macht diese Abfüllung so spannend.
Fünf Gins, fünf Ideen
Im Laufe des Abends wurde deutlich, dass diese fünf Gins nicht einfach unterschiedliche Geschmacksprofile repräsentieren. Sie zeigen vielmehr fünf verschiedene Denkansätze darüber, was Gin heute sein kann.
Die Kyoto Distillery versteht Botanicals nicht als bloße Zutatenliste, sondern als Erzähler kultureller Geschichten. Mal steht eine japanische Bitterorange mit ihrer jahrhundertealten Symbolik im Mittelpunkt, mal dient ein portugiesisches Nationalgericht als Inspiration für eine völlig neue Aromatik. Jede Abfüllung besitzt eine Idee, eine klare Handschrift und den Mut, bekannte Wege zu verlassen.
Bemerkenswert ist dabei auch, wie konsequent die Destillerie ihre japanische Identität lebt. Statt internationale Trends zu kopieren, greift sie auf regionale Zutaten, kulturelle Bezüge und traditionelle Handwerkskunst zurück und übersetzt sie in eine moderne Gin-Sprache. Das Ergebnis wirkt niemals aufgesetzt, sondern authentisch und eigenständig.
Und wieder zeigt sich, wie sehr uns das Thema Japan derzeit begleitet. Ob Design, Handwerk, Kulinarik oder Spirituosen – kaum ein anderes Land verbindet Tradition und Innovation derzeit so selbstverständlich miteinander.
Die Galloway-Steaks und die Würste unseres Fleischermeisters hätten übrigens ebenfalls einen eigenen Bericht verdient. Doch an diesem Abend standen sie – ausnahmsweise – nicht im Mittelpunkt. Das Grillen werden wir also wiederholen müssen. Ein überzeugender Anlass dafür ist bereits gefunden.
Bis dahin bleibt die Erinnerung an einen Sommerabend, der mit einem Grillfest begann und in Kyoto endete – ohne Deutschland und insbesondere die Insel zu verlassen.
Das könnte Dich auch interessieren:



