Die Styling Garage Spezialkarosserien GmbH präsentierte sich auf der ersten Retro Classics Essen 2026 mit einem Auftritt, der bewusst auf Substanz setzte. In Halle 2 der Messe Essen entstand auf rund 300 Quadratmetern kein inszeniertes Bild, sondern eine verdichtete Darstellung automobiler Individualität.
Perspektivwechsel
Für mich war es die erste Veranstaltung dieser Art in verantwortlicher Position. Nach vielen Jahren im Automobilgeschäft – als Verkäufer, Techniker und in leitender Funktion in Autohäusern – sowie als Autor, unter anderem für SyltExklusiv, verändert sich der Blick.
Es ist kein Wechsel aus der Distanz, sondern aus der Erfahrung heraus. Die Perspektive verschiebt sich von der Einordnung zur Verantwortung. Ein gewisser Stolz ist dabei nicht zu übersehen. Teil einer Geschichte zu werden, die über Jahrzehnte gewachsen ist, bedeutet mehr als eine neue Aufgabe. Es ist die Verpflichtung, Substanz zu erhalten und gleichzeitig neue Wege zu definieren.
Die Zukunft der Styling Garage wird nicht im Bruch liegen, sondern in der Verbindung – als bewusste Symbiose aus Herkunft und Weiterentwicklung.
Die Styling Garage – Herkunft und Bedeutung
Die Styling Garage, kurz SGS, entstand in den 1980er Jahren in Hamburg und entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem der prägenden Karosseriebau-Betriebe Europas. In einer Phase, in der Individualisierung vor allem über Zubehör stattfand, ging SGS einen anderen Weg: tiefgreifende konstruktive Veränderungen, eigenständige Karosserien, geringe Stückzahlen.
Fahrzeuge wurden nicht ergänzt, sondern neu gedacht. Cabriolet-Umbauten, Flügeltür-Konstruktionen, viertürige Cabrios oder komplette Designlinien – häufig auf Basis von Mercedes-Benz, aber auch anderer Hersteller. Die Stückzahlen blieben bewusst niedrig. Viele Fahrzeuge entstanden in Serien zwischen wenigen Exemplaren und einigen Dutzend Einheiten.
Heute gilt diese Zeit als abgeschlossen. Die Fahrzeuge existieren, aber die Strukturen, die sie hervorgebracht haben, sind weitgehend verschwunden. Umso größer ist die Bedeutung, diese Arbeiten geschlossen zu zeigen – und daraus eine Perspektive zu entwickeln.

Porsche 928 S4 SGS Gullwing mit Strosek Breitbau
Ein Einzelstück, das zwei Epochen des Umbaus vereint. Der Strosek-Breitbau steht für die formale Überzeichnung der späten achtziger Jahre, während die Gullwing-Konstruktion den technischen Anspruch der Styling Garage widerspiegelt. Der Eingriff in Dachstruktur und Karosseriesteifigkeit macht deutlich, dass hier nicht dekoriert, sondern konstruiert wurde.

Porsche 928 S4 SGS Cabriolet im Gemballa V3 Design
Der zweite 928 verfolgt einen anderen Ansatz. Offen, fließend, mit klarer Linienführung. Das Gemballa V3 Design bringt eine prägnante Formensprache ein, während der Cabriolet-Umbau die ursprüngliche GT-Architektur vollständig auflöst. Ein Einzelstück, das die Grenzen der Baureihe neu definiert.

Mercedes-Benz 190E 4-Türer Cabriolet SGS St. Tropez
Ein Konzept, das bis heute ungewöhnlich geblieben ist. Vier Türen, keine feste Dachstruktur. Die notwendige Versteifung erfolgt unsichtbar, die Linienführung bleibt klar. Mit rund 70 gebauten Fahrzeugen eines der wenigen Projekte, die über den Status des Experiments hinausgingen.

Mercedes-Benz 500SEC SGS Gullwing
Der C126 als Basis für eine Flügeltür-Konstruktion verlangt weitreichende Eingriffe. Dach, A-Säulen und Türmechanik werden neu gedacht. Das Ergebnis ist kein Derivat, sondern ein eigenständiges Fahrzeug. Rund 57 Exemplare dokumentieren diesen Ansatz.

Volkswagen Corrado G60 Magnum (Kombi-Prototyp)
Ein Fahrzeug, das nie in Serie ging und dennoch eine klare Idee verfolgt. Der Corrado als Shooting Brake, mit verlängerter Dachlinie und funktionaler Heckgestaltung. Zwei bekannte Prototypen zeigen, wie früh dieses Konzept gedacht wurde.

Arrow C1 auf Basis des 500SEC
Eine eigenständige Karosserie auf bekannter Technik. Der Arrow C1 löst sich formal vollständig vom Ausgangsfahrzeug. Bekannt wurde er durch den Film Die Einsteiger mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger. Vier Fahrzeuge belegen den Anspruch, ein komplett neues Erscheinungsbild zu schaffen.

Mercedes-Benz 500SEL 4-Türer Caruna Cabriolet
Ein viertüriges Cabriolet auf W126-Basis gehört zu den anspruchsvollsten Umbauten. Der Verdeckmechanismus, von SGS modifiziert, erfordert präzise Abstimmung zwischen Mechanik und Karosserie. Vier Fahrzeuge sind bekannt.

BMW 850i Cabrio von SGS
Der E31 war konstruktiv nie für eine offene Variante vorgesehen. Entsprechend tiefgreifend sind die Änderungen. Struktur, Versteifung und Linienführung werden neu interpretiert. Sechs noch existierende Fahrzeuge unterstreichen die Seltenheit.

Mercedes-Benz 280SL Pagode (1971)
Ein bewusst gesetzter Gegenpol. Kein Umbau, sondern ein Fahrzeug im außergewöhnlich hohen Restaurationszustand. Entstanden als gemeinsames Projekt Hamburger Fachbetriebe. Ein Referenzpunkt für das, was im Original möglich war.

Mercedes-Benz 500SEC SGS Cabriolet Marbella
Mit rund 340 gebauten Fahrzeugen eines der „größeren“ Projekte der Styling Garage. Dennoch selten im heutigen Bestand. Klare Linien, saubere Ausführung, typisch für die späten Arbeiten von SGS.
Anerkennung
Die Zusammenstellung wurde durch die Messeleitung gewürdigt. Christian Hahn nahm den Pokal für den besten Stand mit der höchsten Dichte an Kleinserienfahrzeugen entgegen. Eine Auszeichnung für die Geschlossenheit des Auftritts.
Fünf Tage Präsenz
Die Tage vom 8. bis 12. April waren lang. Gespräche, Einordnung, Wiederholung. Ein Messeauftritt dieser Größenordnung verlangt Konzentration und Ausdauer. Für mich bedeutete es zugleich den Übergang von der Einordnung zur Verantwortung.
Schlussbild
Am Ende bleibt kein einzelnes Fahrzeug, sondern ein Gesamtbild. Die Erinnerung an eine Zeit, in der Automobilbau auch im kleinen Maßstab große Konsequenz hatte. Und die Aufgabe, genau diese Haltung in die Zukunft zu überführen.
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