Donnerstag, September 17, 2026

Nicola Rübenberg – wenn aus einem Augenblick Kunst wird

Nicola Rübenberg ist Fotografin und Malerin – und beides lässt sich in ihren Arbeiten kaum voneinander trennen. Sie beobachtet Menschen und Tiere, sucht nach Ausdruck und Charakter und überträgt diese Eindrücke anschließend in ihre Malerei. Bekannt wurde sie unter anderem mit Portraits auf weitgereisten originalen Hamburger Kaffeesäcken. Später wurden ihre Arbeiten größer, Tiere rückten stärker in den Mittelpunkt und mit „The Gate of Evolution“ entstand ein außergewöhnliches Langzeitprojekt. Wir wollten von Nicola Rübenberg wissen, wie sich ihre Kunst entwickelt hat – und was hinter den Bildern steckt.

Nicola, wie hat alles angefangen – wann wurde aus deiner Fotografie auch Malerei und schließlich deine heutige Form der Kunst?

Genau andersherum. Erst einmal wurde aus der Malerei die Fotografie. So schnell konnte ich gar nicht malen, wie ich die Welt, deren Gesichter und die darin enthaltenen Lebenserfahrungen und damit den individuellen Ausdruck eines jeden mich inspirierenden Menschen im Bild festhalten wollte.

Daraufhin war ich über zwanzig Jahre als freie Fotografin in Hamburg im Bereich Portraits, Musikerportraits, Bandfotografie und Livekonzerte sowie Eventfotografie tätig.

Im Januar 2012 fasste ich einen Entschluss und nahm die Malerei wieder auf. Es entstand „… von der Muse geküsst!“, eine Mischung aus Aktmalerei und Portraits, die sogleich in der Villa Verde ausgestellt wurden. Inspiriert durch einen Besuch in Hagenbecks Tierpark entstanden dann zunächst sieben große Elefantengemälde, die auf einem „Elefantentreffen“ in der Villa im Heinepark präsentiert wurden.

Als ich 2013 das „Atelier kleine Feder“ in Hamburg bezog, um mich neben der Fotografie auch verstärkt der Malerei zu widmen, verlagerte sich der Schwerpunkt relativ schnell. Die ersten im Atelier erstellten Kunstwerke wurden aus den Eindrücken einer Australienreise erarbeitet. So kamen die darauf folgenden Ausstellungen zustande: „Ich glaub, ich steh im Wald“ – „Adam und Eva, Eva, Eva“ – „Rückkehr ins Paradies!“

Dazu die rosa „Tänzer“, nach Vorlage eines John-Neumeier-Tänzers, ausgestellt in der St. Georgskirche anlässlich 20 Jahre AIDS-Seelsorge Hamburg, deren Farbgebung direkt auf die bunten Kirchenfenster abgestimmt war und die die Bühnenperformance der abendlichen Ballettdarbietung genau desjenigen Tänzers, welcher auch als Vorlage für die Tanzgemälde gedient hatte, optisch untermalte.

Du hast begonnen, auf alten Hamburger Kaffeesäcken zu malen. Wie kamst du auf dieses ungewöhnliche Material – und was kann ein Kaffeesack, was eine klassische Leinwand nicht kann?

Nach einer kreativen Pause von ca. zwei Wochen und nach einem Besuch auf der Affordable Art Fair kam ich wie die Jungfrau zum Kinde auf den Kaffeesack. Denn im Atelier nebenan bezog ein junger Mann ein bis zwei Monate als Zwischenmieter alte Stühle mit Kaffeesäcken, bevor der Raum als Yogastudio in Betrieb genommen wurde. Ich bat ihn um zwei ausgediente Kaffeesäcke, nicht ahnend, dass dieses Material von nun an mein ständiger Begleiter sein sollte.

Dass es so gut wie unmöglich ist, auf Kaffeesäcken zu malen, wusste ich damals natürlich nicht. Bei mir klappte es aber sofort. Hierfür mischte ich die Farbe selbst an und legte in meiner eigenen Technik los. Diese erste Technik habe ich bis heute beibehalten. Der Kaffeesack wird auf eine vorher grundierte und untermalte Leinwand montiert.

Die grobe Struktur ist haptisch, luftig und wirkt zudem durch die originale Kaffeesackbedruckung und die spontan gesetzten Risse, die durch das Aufschneiden beim Entleeren des Rohkaffees in der Rösterei entstehen, natürlich und zerrissen. Sie geben dem Gemälde eine besondere Tiefe und Vielschichtigkeit.

Tiere spielen heute eine große Rolle in deinen Arbeiten und erscheinen teilweise in monumentalen Formaten. Warum gerade Tiere – und wonach suchst du, wenn du ein Tier portraitierst?

In meiner Kindheit hatten wir die üblichen Haustiere, hinter dem Haus waren Pferdekoppeln mit Hannoveranern, die jedes Jahr auch Fohlen hatten. Meine erste Kamera bekam ich mit sechs Jahren zum Geburtstag, eine Agfapocket mit 12+3 Aufnahmen. Erst waren die Haustiere meine Motive. Den zweiten Film mit 24 Aufnahmen belichtete ich sorgsam bei einem Besuch in Hagenbecks Tierpark.

Zwei Filme pro Jahr, das war schon Luxus. Also habe ich gelernt, genau hinzuschauen, bevor ich abdrücke. Zum Beispiel stand ich als Kind im Hochsommer vor dem Gatter der Pferdekoppel, wo das Fohlen schlief, und wartete dort eine halbe Stunde lang, bis es aus dem Mittagsschlaf in der Sonne aufwachte und mit gebogenen langen Beinchen aufstand. Genau auf den Moment hatte ich die ganze Zeit gewartet und drückte den Auslöser.

Es ist bis heute immer der besondere Moment oder beim Portrait der besondere Ausdruck, um den es mir in meinen Bildern geht. Essenziell wichtig in der Fotografie. Dasselbe gilt in der Malerei. Der Ausdruck ist entscheidend. Der Blick muss stimmen, bei den Menschen und auch bei den Tieren. Erst dann ist das Bild gut geworden.

Die Größe spielt erst einmal keine Rolle, die ergibt sich automatisch nach den Eigenschaften und der Größe des Tieres. Klein wirkt einfach nicht und es funktioniert auch nicht in klein. Besonders nicht auf dem viel zu groben Kaffeesack. So ging es in meinen Gemälden automatisch auf lebensgroße Formate.

Mit „The Gate of Evolution“ ist aus einzelnen Bildern ein großes, zusammenhängendes Projekt entstanden. Was ist die Idee dahinter – und wie soll das Gesamtwerk einmal aussehen?

Als die ersten afrikanischen Großwildtiere entstanden und ich mich danach thematisch mit den Meeresbewohnern befasste, hat sich das Projekt einfach verselbstständigt. Hier noch ein Büffel, da noch zwei kämpfende Kamtschatkabären. Oder auf der anderen Seite noch ein Eisbär, zwei „California Sea Lions“, gefolgt vom „Great White Shark“.

Vollständig ist das mittlerweile 40 Meter breite Panorama, bestehend aus meist zwei Meter hohen Gemälden, damit nicht. Ausreichen tut es aber allemal, um die Idee zu transportieren und einen Querschnitt der über Jahrmillionen entstandenen Tierwelt in seiner Schönheit und in seiner Vielfalt darzustellen.

Ich sehe es als Gesamtkunstwerk, welches sich für eine Dauerausstellung im adäquaten Rahmen eignen würde, um dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

Deine Bilder entstehen aus der Perspektive einer Fotografin und einer Malerin. Gibt es einen Moment, einen Blick oder eine Begegnung, bei der du sofort weißt: Daraus wird ein Bild?

Ja, natürlich. Es hat für beide Bereiche denselben Ursprung. Es ist immer ein Bauchgefühl. Reine Intuition. Immer.

Wenn jemand eines deiner Werke zum ersten Mal sieht: Was wäre dir lieber – dass er zunächst von der Größe und Ästhetik beeindruckt ist oder dass er beginnt, über das Tier, die Natur und unseren Umgang damit nachzudenken?

Keine Ahnung, ich denke, das passiert automatisch. Ich weiß nur, dass kleine Kinder, sobald sie laufen können, sofort von den Bildern magisch angezogen werden.

Ein junger Vater zum Beispiel war auf der Ausstellung mit den lebensgroßen Wildtiergemälden. Er hatte seinen kleinen Sohn auf dem Arm. Er war vielleicht zwei Jahre alt und konnte gerade sprechen. Der Junge zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf jedes Bild und fing an, ein Tier nach dem anderen richtig zu benennen. Und zwar auf Englisch.

Ich denke, die Bilder sprechen für sich. Ich male sie, um den Menschen die Schönheit und die Vielfalt der Schöpfung näherzubringen. Die Message dahinter wird unterbewusst automatisch mitgeliefert.

Die Arbeiten von Nicola Rübenberg sind noch bis Ende September in der Galerie Alt-Westerland, Keitumer Chaussee 22, direkt gegenüber der Stilschmiede Sylt in Westerland, zu sehen.

Vielen Dank für das Interview liebe Nicola.

Stefan Kny
Stefan Kny
Stefan Kny ist Verleger, Journalist und Chefredakteur. Auf syltexklusiv.com schreibt er mit Begeisterung über das, was ihn bewegt: von Ausstellungen und Autotests bis hin zu neuen Themenwelten, die auf Sylt beginnen – oder dort ihre ganz eigene Tiefe entfalten.

Das könnte Sie auch Interessieren!

Sylt Exklusiv Newsletter

Jetzt kostenlos anmelden und exklusives Sylt-Insiderwissen direkt in Ihr Postfach erhalten!
Verpassen Sie keine Neuigkeiten, Events oder Highlights mehr.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Sylt Exklusiv WhatsApp

Sei immer einen Schritt voraus! Tägliche Updates: Events, Termin & echte Insider-Tipps – direkt in dein WhatsApp!

JETZT EINTRAGEN!
spot_img

NEUESTE BEITRÄGE

Vertrag widerrufen