Was hinter der Fischerfigur an der Friesenkapelle auf Sylt steckt
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Eine stille Figur mit großer Wirkung
Wer an der Friesenkapelle auf Sylt vorbeikommt, entdeckt sie vielleicht nicht sofort. Eine Figur, still und aufrecht, den Blick in die Ferne gerichtet. Kein lautes Kunstwerk, keine spektakuläre Geste. Und doch liegt gerade in dieser Zurückhaltung ihre Kraft. Denn dieser Fischer schaut nicht einfach irgendwohin. Er blickt mit Bedeutung.

Hinter der Skulptur verbirgt sich eine Geschichte, die weit über die Insel hinausreicht.
Ein Kunstwerk mit doppelter Perspektive
Die Arbeit trägt den Titel „Blick nach Sylt“. Geschaffen wurde sie von der Bildhauerin Christel Lechner, die für ihre markanten „Alltagsmenschen“ bekannt ist. Die Skulptur ist 220 Zentimeter hoch, aus Beton gearbeitet und mit Kreide gestaltet. Entstanden ist sie im Jahr 2018. Doch entscheidend ist nicht nur ihre äußere Form, sondern das, wofür sie steht.
Denn diese Figur ist Teil eines besonderen künstlerischen Projekts. Ihr Gegenstück steht nicht auf Sylt, sondern in Sorquitten in den polnischen Masuren. Dort befindet sich die zweite Skulptur mit dem Titel „Blick nach Sorquitten“. Beide Werke sind als ein dialogisches Paar gedacht: zwei Fischer, zwei Standorte, zwei Gemeinden – verbunden durch einen Blick über Grenzen hinweg.

Eine Freundschaft, die sichtbar wird
Seit mehr als 30 Jahren pflegen die Sylter Norddörfer Kirchengemeinde und die evangelische Gemeinde von Sorquitten einen lebendigen Austausch. Aus dieser gewachsenen Freundschaft entstand der Wunsch, die enge Verbindung nicht nur in Worten oder Begegnungen, sondern auch künstlerisch sichtbar zu machen.
Christel Lechner entwarf dafür zwei überlebensgroße Skulpturen, die sich symbolisch aus der Ferne anschauen. Die Figuren richten ihr Augenmerk aufeinander – über Ländergrenzen hinweg, über Landschaften, über Wasser und Zeit.
Der Fischer als Symbolfigur
Dass Lechner ausgerechnet das Motiv des Fischers aufgreift, ist kein Zufall. Die Fischerei spielt sowohl auf Sylt als auch in der seenreichen Region rund um Sorquitten traditionell eine Rolle. Der Fischer steht für Arbeit, Ausdauer und eine enge Beziehung zur Natur.
Zugleich trägt er eine christliche Bedeutung in sich. Der Fisch und der Fischer gehören seit jeher zur Symbolwelt des Christentums. So verbindet die Figur das Alltägliche mit dem Geistigen, das Handfeste mit dem Symbolischen.
Die Kraft des Blicks
Gerade das macht diese Skulptur so interessant. Sie ist nicht monumental im klassischen Sinn, nicht pathetisch, nicht überhöht. Und doch erzählt sie viel: von Freundschaft, von gegenseitiger Wahrnehmung, von einer Verbindung, die nicht an geografischen Grenzen endet.
Der Blick dieser Figur ist damit auch ein Sinnbild für Aufmerksamkeit. Für das bewusste Hinsehen. Für das Wissen darum, dass echte Beziehungen nicht selbstverständlich sind, sondern gepflegt werden müssen.
Ein Ort mit Haltung
An der Friesenkapelle bekommt diese Arbeit eine zusätzliche Tiefe. Der Ort verleiht der Figur eine stille Konzentration. Hier steht kein dekoratives Objekt, sondern ein Werk mit Haltung. Es lädt dazu ein, einen Moment stehenzubleiben und sich zu fragen, was dieser Blick eigentlich meint.
Vielleicht ist genau das die Qualität dieser Skulptur: dass sie sich nicht aufdrängt, sondern ihre Geschichte erst nach und nach entfaltet.
Gestiftet
Auch die Stiftung der beiden Figuren ist Teil dieser Erzählung. Gestiftet wurden die Skulpturen von Edgar Kirschniok – einem Unternehmer und Wahl-Sylter. Damit erhielt das Projekt nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen persönlich getragenen Rahmen.

Mehr als nur eine Skulptur
So steht der Fischer an der Friesenkapelle heute nicht einfach nur als Figur im öffentlichen Raum. Er steht für eine Freundschaft, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Für den Austausch zwischen Sylt und Sorquitten. Und für die selten gewordene Fähigkeit, über Entfernung hinweg verbunden zu bleiben.
Wer an ihm vorbeigeht, sieht also weit mehr als Beton und Form. Er sieht einen Blick, der erwidert wird.
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