Der Bentley Bentayga Speed hat 650 PS, schafft Tempo 310 und beschleunigt in 3,6 Sekunden auf 100 km/h. Auf Sylt sind das weitgehend nutzlose Talente. Und vielleicht beginnt genau dort die Faszination dieses Autos. Eine Runde über die Insel mit einem Bentley, der sich erstaunlich schnell so anfühlt, als wäre er schon immer da gewesen.

11.45 Uhr in Keitum
Eigentlich war Regen angesagt an diesem 20. August. Stattdessen scheint die Sonne über Keitum.
Bentley gastiert anlässlich der Genusswoche in Keitum im Severin*s Resort & Spa. Bentley Hamburg und Hannover haben einiges aus der Modellpalette mitgebracht. Die Fahrzeuge stehen allerdings nicht dekorativ vor dem wunderschönen Hotel Spalier, sondern auf den Parkplätzen. Angenehm zurückhaltend.
Mein Auto wartet bereits vor dem Eingang.
Ein schwarzer Bentley Bentayga Speed.
So darf eine Probefahrt gerne beginnen.

Der erste Eindruck: groß. Natürlich. Mit 5,12 Metern Länge und knapp zwei Metern Breite ist der Bentayga kein Kleinwagen. Aber in Schwarz wirkt er weder protzig noch besonders auffällig. Innen setzt sich das Schwarz fort, allerdings mit orangefarbenen Nähten. Ein kleiner Kontrast, der dem sonst sehr klassischen Innenraum etwas Frisches und Sportliches gibt.
Tür auf, einsteigen.
Und dann passiert etwas, das mich während der nächsten Kilometer noch häufiger beschäftigen wird: Der Bentayga macht es einem erstaunlich leicht.
Ich sitze im Auto grundsätzlich ziemlich weit vorne. Vielleicht bilde ich mir ein, schneller reagieren zu können. Vielleicht glaube ich, dadurch mehr Kraft auf die Bremse zu bekommen. Wahrscheinlich ist es einfach eine Marotte.
Zwei Handgriffe später stimmt die Sitzposition.
Über fünf Meter Auto – und plötzlich fühlt es sich beinahe maßgeschneidert an.
Moment mal, da ist ja ein Motor
Startknopf.
V8-Biturbo.
Was für ein Sound.
Nach einigen Fahrten mit Elektroautos hatte ich mich offensichtlich bereits stärker an das geräuschlose Starten gewöhnt, als mir bewusst war. Man drückt einen Knopf, irgendwo leuchtet etwas auf, und das war es.
Hier passiert wieder etwas.
Der Vierliter-V8 meldet sich zu Wort. Nicht nervig, nicht übertrieben. Aber so, dass man kurz innehält.
Motorengeräusch, früher eine Selbstverständlichkeit, kann inzwischen offenbar wieder ein Ereignis sein.
Ich mag das.
Der Blick wandert über die Mittelkonsole. Wo ist Comfort? Wo Sport? Wie bediene ich das alles?
Keine lange Suche. Keine Bedienungsanleitung. Kein digitales Versteckspiel.
Ich finde mich sofort zurecht.
I love it.
650 PS braucht auf Sylt kein Mensch
Wir rollen durch Keitum.
Tempo 30. Enge Straßen, kleine Häuser, viel Verkehr. Das idyllische Keitum ist nicht unbedingt der Ort, an dem man einem gut zwei Meter breiten SUV freie Entfaltungsmöglichkeiten zugestehen würde.
Andere Autos weichen dort ohnehin regelmäßig über die praktisch nicht vorhandenen Bordsteine aus. Radfahrer fahren hintereinander, wenn es eng wird. Entgegenkommende Autofahrer warten.
Und genau hier drängt sich eine ziemlich offensichtliche Erkenntnis auf:
650 PS braucht auf Sylt kein Mensch. Das weiß auch Bentley. Es hält Bentley nur nicht davon ab, sie anzubieten.
850 Newtonmeter ebenfalls nicht.
Und 310 km/h Höchstgeschwindigkeit sind auf einer Insel, auf der inzwischen selbst Kampen weitgehend Tempo 30 für sich entdeckt hat, eine ähnlich theoretische Information wie die Reisegeschwindigkeit eines Privatjets beim Rollen zum Hangar.
Aber vielleicht geht es überhaupt nicht darum, diese Leistung ständig zu benutzen.
Vielleicht reicht schon das Wissen, dass sie da ist.
Wo sind die 2,5 Tonnen geblieben?
An der St.-Severin-Kirche vorbei geht es weiter Richtung Braderup.
Ich mag große Autos. Der zuletzt gefahrene Volvo EX90 knackte ebenfalls bereits die Fünf-Meter-Marke. Die Länge des Bentayga beschäftigt mich deshalb kaum.
Bei der Breite reichen ein paar Blicke in die Außenspiegel und auf die weiße Straßenlinie. Dazu kommen Kameras, die ziemlich genau zeigen, was um das Auto herum passiert.
Nach kurzer Zeit denke ich über seine Dimensionen kaum noch nach.
Auch das Lenkrad trägt seinen Teil dazu bei. Es fühlt sich hochwertig an, die Lenkung vermittelt Sicherheit – und vor allem vermittelt sie mir nicht permanent, dass ich gerade einen ziemlich großen Koloss bewege.
Noch bemerkenswerter ist die Bremse.
Man denkt schlicht nicht darüber nach.
Selbst wenn etwas kräftiger verzögert werden muss, entsteht nicht das Gefühl, gerade knapp zweieinhalb Tonnen unter Kontrolle bringen zu müssen.
Das klingt nach einer Kleinigkeit.
Ist es aber nicht.

Der Kniescheibentest
Dann kommt die sogenannte Panzerstraße Richtung List.
Hier gilt Tempo 30. Also bleibt der Bentayga im Comfort-Modus.
Wer diese Strecke schon einmal mit dem Linienbus gefahren ist, dürfte anschließend zumindest kurz über die Bestellung neuer Kniescheiben nachgedacht haben.
Im Bentley passiert – fast nichts.
Unebenheiten verschwinden irgendwo unter uns. Selbst die Schafsgitter, die beim Überfahren ordentlich Krach machen, sind vor allem eines: hörbar.
Spürbar sind sie kaum.
Das ist vielleicht die überzeugendere Beschreibung des Fahrwerks als jede technische Erklärung über aktive Systeme, Dämpfer und Fahrprogramme: Man hört, dass die Straße schlecht ist. Der Körper bekommt davon erstaunlich wenig mit.
Das Panoramadach ist inzwischen geöffnet. Auch hier zieht nichts unangenehm.
So könnte man jetzt vermutlich stundenlang weiterfahren.
Aber wir fahren einen Bentayga Speed.
Also wäre es etwas unhöflich, die andere Hälfte seines Namens vollständig zu ignorieren.

Ein Knopfdruck. Ein anderes Auto.
Auf der Landstraße raus aus List wechsle ich in den Sportmodus.
Und plötzlich hat der V8 ziemlich viel zu erzählen.
Der Klang verändert sich. Der Motor wird präsenter, blubbert, meldet sich beim Gasgeben kräftig zu Wort und kommentiert auch das anschließende Lupfen des Gaspedals noch einmal akustisch.
Das ist kein hochgezüchtetes Motörchen, das verzweifelt versucht, größer zu klingen, als es ist.
Vier Liter Hubraum. Acht Zylinder. Zwei Turbolader.
Und Leistung satt.
Natürlich muss man als Fahrer irgendwann einmal kräftiger aufs Gas treten.
Bis ungefähr 2.300 Umdrehungen geht alles einfach sehr zügig voran.
Und dann wird es ernst.
Der Schub nimmt gewaltig zu. 650 PS und 850 Newtonmeter erinnern daran, dass die vornehme Ruhe der vergangenen Kilometer keineswegs aus mangelndem Temperament entstanden ist.
Bentley gibt für den Sprint von null auf 100 km/h 3,6 Sekunden an.
3,6 Sekunden.
In einem SUV dieser Größe.
Plötzlich bekommt dieser große Wagen etwas von der Leichtigkeit eines Sportwagens.
Der Bentayga kann flüstern. Aber er kann offenbar auch ziemlich unbritisch werden.
Mal grinst man.
Mal bekommt man Gänsehaut.

Sind das zwei Autos?
Das ist die Frage, die mich während der Fahrt zunehmend beschäftigt.
Im Comfort-Modus kann man den Bentayga bewegen, wie man sich einen klassischen Bentley vielleicht vorstellt: ruhig, souverän, stilvoll, ohne großes Getöse.
Wer dagegen Sound möchte, Leistung spüren will und gelegentlich etwas mehr Alarm verträgt, dreht einen Knopf, mit dem man den Fahrmouds wählt.
Dann steht plötzlich ein anderes Auto zur Verfügung.
Nur eines verändert sich bemerkenswert wenig: die Kontrolle.
Der Bentayga wird im Sportmodus nicht plötzlich zum nervösen Spielzeug. Selbst dann bleibt erstaunlich viel Komfort erhalten.

Sind das zwei Autos in einem?
Scheinbar.
„Schau mal, wer einen Rolls-Royce fährt…“
Durch Kampen geht es weiter.
Auch hier: Tempo 30.
Der schwarze Bentayga fällt auf, aber längst nicht so stark, wie man vielleicht vermuten würde. Andere Modelle der Marke tragen ihre Herkunft deutlich offensiver zur Schau.
Auf meiner Runde erlebe ich auch keinen Sozialneid.
Eher das Gegenteil.
In den engen Keitumer Straßen wird Platz gemacht. Autos fahren ein Stück zur Seite, Radfahrer ordnen sich hintereinander ein. Auch bei der engen Zufahrt in Westerland wird freundlich gewartet.
Das sollte allerdings keine Einbahnstraße sein. Also langsam fahren, anderen Zeit lassen und sich durchs geöffnete Fenster bedanken.
Dann höre ich eine Mutter zu ihrem Kind sagen:
„Schau mal, wer einen Rolls-Royce fährt …“
Den Rest verstehe ich nicht mehr.
Vielleicht ist das sogar ein kleines Kompliment für den Bentayga. Er wird als besonderes Auto wahrgenommen, ohne jedem Betrachter bereits aus 100 Metern Entfernung seine genaue Modellbezeichnung entgegenzurufen.

Die wahre Sylt-Prüfung
310 km/h sind schön.
Aber kommen wir zu einer auf Sylt wesentlich wichtigeren Disziplin:
Wie kommt man mit einem zwei Meter breiten und über fünf Meter langen Auto durch eine verdammt enge Zufahrt?
In Westerland geht es kurz zur Neuen Mitte.

Kamera an.
Ein zusätzlicher Blick aus dem Fenster zur Sicherheit – bei dieser Selbstbeteiligung fährt selbst das Ego plötzlich im Comfort-Modus. Schließlich möchte ich den Bentayga Speed testen und nicht die Geschwindigkeit, mit der sich die Selbstbeteiligung abbuchen lässt.
Und durch.
Inzwischen fühlt es sich beinahe so an, als wäre ich nie ein anderes Auto gefahren.
Das ist für mich eine der größten Leistungen dieses Bentayga. Nicht die 3,6 Sekunden auf 100. Nicht Tempo 310.
Sondern dieses enorme Auto nach relativ kurzer Zeit so vertraut erscheinen zu lassen.

Bentley muss Bentley sein
Natürlich erwartet man bei einem Bentley einen hochwertigen Innenraum.
Exzellentes Leder überrascht mich hier genauso wenig wie saubere Nähte. Bei einem Auto dieser Klasse wäre alles andere eine Nachricht.
Interessanter sind deshalb die Dinge, die man ständig benutzt.
Die Bedienelemente mit ihren fein gerändelten Oberflächen liegen angenehm in der Hand. Der klassische Bentley-Wählhebel gefällt mir. Drücken, Gang wählen, fertig. Es gibt ausreichend Ablagemöglichkeiten.
Tempomat und Abstandsassistent finde ich sofort.
Das klingt banal, ist es aber nicht. Bei anderen Herstellern habe ich nach solchen alltäglichen Funktionen schon erstaunlich lange gesucht.
Der Touchscreen und seine Menüs spielen während meiner Fahrt dagegen eine Nebenrolle. Das Display selbst dürfte für meinen Geschmack inzwischen etwas moderner auftreten. Ein wenig mehr eigenständiger Bentley-Stil würde ihm guttun.
Und dann wären da noch die Kippschalter der Fensterheber.
Ausgerechnet sie fühlen sich für mich nicht so hochwertig an wie der Rest des Innenraums.
Kleinigkeit?
Ja.
Aber bei Bentley liegt die Messlatte eben dort, wo Bentley sie selbst hingelegt hat.
Massieren lassen hätte ich mich übrigens auch noch können.
Habe ich ausgeschaltet.
Man muss ja nicht alles machen, nur weil man es kann.
Das gilt möglicherweise auch für 650 PS.
Und was kostet das Vergnügen?
Während der Fahrt wusste ich nicht genau, was dieser Bentayga Speed kostet.
Vielleicht war das ganz gut.
Denn dadurch fährt zunächst das Auto – und nicht sein Preisschild.
Ein entsprechend ausgestatteter Bentayga Speed bewegt sich schnell in einer Region von deutlich über 300.000 Euro und kann sich, abhängig von der Konfiguration, der 400.000-Euro-Marke nähern. Ihr könnt erahnen in welche Richtung sich mein ausgesuchter Wagen bewegt.
Vernünftig diskutieren lässt sich darüber kaum.
Aber Autopreise sind ohnehin ein Thema für sich.
So merkwürdig es bei einem Auto dieser Preisklasse klingt: Der Bentayga Speed übt sich tatsächlich ein wenig in Understatement. Was er kann, trägt er jedenfalls nicht demonstrativ nach außen.
Interessanter finde ich rückblickend etwas anderes: Hätte ich seine enorme Leistung nicht gekannt, spätestens beim Durchzug hätte ich gewusst, dass hier etwas Außergewöhnliches arbeitet. Ab ungefähr 2.300 Touren braucht man keine technischen Daten mehr.

Muss ich den jetzt wirklich abgeben?
Zurück nach Keitum.
Wieder durchs Dorf, wieder enge Straßen. Der Bentayga macht daraus kein Ereignis.
Zurück am Severin*s ist die Runde vorbei.
Eigentlich wäre jetzt Zeit für das klassische Fazit.
650 PS. 850 Newtonmeter. 3,6 Sekunden auf 100. 310 km/h. Mehr als fünf Meter Länge. Fast zweieinhalb Tonnen. Ein Preis, bei dem man über automobile Vernunft besser nicht allzu lange diskutiert.
Mein Gedanke ist wesentlich einfacher:
Muss ich den jetzt wirklich wieder abgeben?
Denn dieser Bentayga Speed fühlt sich nach einer Runde Sylt erstaunlich genau auf mich zugeschnitten an.
Reiselimousine und Sportwagen. Komfortabler Alltagsbegleiter und ziemlich unvernünftiges Spielzeug. Groß, ohne sich ständig groß anzufühlen. Schnell, ohne ständig schnell sein zu müssen.
Wenn mir morgen jemand den Schlüssel für ein Jahr in die Hand drücken würde?
Keine lange Überlegung.
Ich hätte damit den perfekten Allrounder.
650 PS brauche ich auf Sylt trotzdem nicht.
Aber ich hätte nichts dagegen, sie zu haben.
Text/Fotos: Stefan Kny



