Sonntag, Mai 10, 2026

Wenn die Welt von oben plötzlich eine andere Ordnung bekommt

Mein Besuch bei Stephan Zirwes in der Livia Lisboa Fotokunst Galerie in Hamburg

Eine Hamburg-Woche mit vielen Bildern im Kopf

Diese Woche stand Hamburg auf dem Programm. Erste Berührungspunkte mit der neuen Ray-Ban-Brille bei Optiker Bode, eine Einladung von Stephan Koll bei Minotti – und schließlich die Einladung zur Vernissage-Eröffnung des Fotografen Stephan Zirwes in der Livia Lisboa Fotokunst Galerie.

Es war einer dieser Tage, an denen Hamburg zeigt, wie dicht diese Stadt sein kann: Technik, Design, Kunst, Begegnungen, alles nah beieinander und doch jedes Thema mit einer ganz eigenen Energie. Man kommt von einem Termin, hat noch Bilder im Kopf, wechselt den Ort, wechselt die Gesprächspartner – und plötzlich steht man in einer Galerie vor Fotografien, die einen aus der normalen Perspektive herausheben.

Ich gehe ehrlich gesagt nicht besonders gern in Fotografieausstellungen einzelner Künstler. Wenn mich der Stil nicht erreicht oder die Motive nicht interessieren, kann selbst ein kurzer Besuch sehr, sehr lang werden. Bei Stephan Zirwes war das anders.

Der Palaishof als Bühne

Schon der Ort lohnt den Weg. Der Palaishof am Neuen Wall 86, mitten in den Hamburger Stadthöfen, ist für sich genommen ein Raum, den man in Gänze betrachten sollte. Hamburg kann an solchen Stellen eine sehr eigene Eleganz entwickeln: historisch, urban, ein wenig verborgen und dabei keineswegs aufdringlich.

Mein Fokus liegt an diesem Abend jedoch auf der Livia Lisboa Fotokunst Galerie. Sie befindet sich im Herzen der Hamburger Innenstadt und zeigt unter dem Titel „Selected Works“ rund 40 Arbeiten von Stephan Zirwes. Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Mai 2026, der Eintritt ist frei. 

Fotograf Stephan Zirwes mit Galeristin Livia Lisboa

Benannt ist die Galerie nach Livia Lisboa, einer in Brasilien geborenen und aufgewachsenen Künstlerin. Mit ihr komme ich gleich ins Gespräch. Sie ist Galeristin, aber vor allem auch Macherin. Eine Frau, die Potenzial sieht, wo andere vielleicht vorbeigehen. Die nicht nur redet, sondern Räume schafft, Menschen zusammenbringt und Ideen umsetzt.

Und natürlich hofft sie, dass der eine oder andere Leser den Weg zu ihr findet.

Also: hingehen. Und gerne Grüße bestellen.

Fotograf Stephan Zirwes und Verleger Stefan Kny

Stephan Zirwes: angenehm unprätentiös

Doch zurück zum Künstler.

Stephan Zirwes ist jemand, den man im besten Sinne einen coolen Dude nennen könnte. Nicht aufgesetzt, nicht künstlich bedeutungsschwer, nicht unnahbar. Er spricht über seine Bilder mit einer angenehmen Mischung aus Präzision, Humor und Erfahrung. Zu vielen Arbeiten kann er erzählen, wie sie entstanden sind, welche Vorbereitung nötig war, welches Equipment zum Einsatz kam und welche Zufälle am Ende trotzdem eine Rolle spielten.

Adrian, den ich zuvor bei einer anderen Veranstaltung kennengelernt und kurzerhand mitgenommen habe, und ich hören aufmerksam zu. Es ist einer dieser Momente, in denen man merkt: Hier hängt nicht einfach Fotografie an der Wand. Hier steht jemand vor einem, der über viele Jahre an einer eigenen Bildsprache gearbeitet hat.

Die ersten Arbeiten stammen aus einer Zeit, in der es die klassischen Drohnen, wie wir sie heute kennen, noch gar nicht gab. Zirwes hat damals mit selbstgebauten Lösungen gearbeitet. Schon dieser Hinweis verändert den Blick auf die Bilder. Was heute oft wie ein schneller technischer Effekt wirkt, war damals Aufwand, Planung, Improvisation und Risiko.

Und wenn Hasselblad im Spiel ist, lässt sich erahnen, welche Dimension Kamera, Technik und Fluggerät gehabt haben müssen.

Nicht jeder Blick von oben ist schon ein Bild

Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied. Wir sehen heute jeden Tag unzählige Drohnenaufnahmen. Strände, Pools, Häuser, Landschaften, Events – gefühlt alles wird inzwischen von oben gefilmt oder fotografiert. Aber zwischen diesen alltäglichen Drohnenbildern und den Arbeiten von Stephan Zirwes liegen Welten.

Bei ihm ist die Vogelperspektive kein Trick. Sie ist keine bloße technische Möglichkeit. Sie ist eine Entscheidung.

Der Blick von oben dient nicht dazu, ein Motiv spektakulärer aussehen zu lassen. Er dient dazu, ein Motiv anders zu verstehen. Aus Orten werden Strukturen. Aus Flächen werden Zeichen. Aus menschlichen Eingriffen werden Muster. Und manchmal erkennt man erst aus der Distanz, wie stark wir Landschaften, Räume und Ordnungen prägen.

´Fishbaskets 267, Rainforest 0102 und Rainforest 0101

Die Ausstellung zeigt unter anderem Arbeiten aus Serien wie „Fishbaskets“, „River Veins“, „Placeholder Huts“ und „Rainforest“, außerdem großformatige Arbeiten und Fine-Art-Prints. Der Pressetext beschreibt Zirwes’ Arbeiten als Verbindung aus dokumentarischer Präzision und abstrakter Ästhetik. Genau das trifft den Eindruck ziemlich gut. 

Die Kunst des richtigen Abstands

Was man als Betrachter vielleicht unterschätzt: Diese Bilder leben nicht allein von der Höhe. Der Blick von oben ist nur der Anfang. Entscheidend ist die Distanz.

Hoch genug, um einen Ort aus seiner gewohnten Bedeutung zu lösen. Nah genug, damit Struktur, Spur und menschliche Nutzung noch lesbar bleiben.

Genau darin liegt für mich die fotografische Qualität dieser Arbeiten. Zirwes zeigt nicht möglichst viel. Er zeigt so viel, wie nötig ist. Und lässt so viel weg, dass aus einem realen Ort eine Bildidee wird.

Besonders reizvoll ist dieses Spiel mit dem Maßstab. Auf den ersten Blick sieht man Fläche, Farbe, Rhythmus. Dann erkennt man plötzlich Details: Menschen, Wege, Spuren, Nutzungen. Die Bilder kippen zwischen Abstraktion und Dokumentation. Genau dieser Moment macht sie stark. Man schaut nicht nur hin, man beginnt zu entschlüsseln.

Auch das Licht bekommt in diesen Arbeiten eine andere Bedeutung. Es ist nicht bloß Stimmung oder schöner Schein. Aus der Luft wird Licht zu einem grafischen Faktor. Schatten können Linien verlängern, Strukturen sichtbar machen oder eine Komposition kippen lassen. Diese Bilder brauchen Timing, Geduld und den Moment, in dem ein Ort für Sekunden zu einer Ordnung wird.

Die Poolserie bleibt hängen

Mich fesselt an diesem Abend vor allem die Poolserie. Das Ausstellungsstück an der Wand, aber auch die Serie als Ganzes.

Pools von oben betrachtet verlieren plötzlich ihre gewohnte Bedeutung. Sie sind nicht mehr nur Orte von Freizeit, Sommer oder Erfrischung. Sie werden zu Formen, zu Flächen, zu Zeichen. Blau gegen Beton. Linie gegen Unordnung. Wasser als Fläche, als Sehnsucht, als Ressource.

Die Poolserie wirkt zunächst wie eine Studie in Blau, Fläche und Ordnung. Doch je länger man hinsieht, desto mehr löst sie sich vom reinen Designreiz. Diese Becken sind keine bloßen Sommermotive. Sie erzählen von öffentlichem Raum, von Wasser als Ressource, von Gemeinschaft – und von der Frage, wem solche Orte eigentlich gehören.

Zirwes begann bereits 2015 damit, öffentliche Schwimmbäder aus der Luft zu fotografieren; in einem Observer-Beitrag wurde die Serie auch als Blick auf das öffentliche Schwimmbad als sozialen Ort beschrieben. Auch in einem DJI-Magazine-Beitrag wird die Poolserie nicht nur ästhetisch, sondern über Wasser, Öffentlichkeit und Ressourcennutzung gelesen. 

Vielleicht fesseln mich diese Bilder deshalb so sehr: Sie sehen auf den ersten Blick aus wie perfekte Kompositionen. Auf den zweiten Blick merkt man, dass sie mehr sind als schöne Formen.

Stephan zeigt Adrian beeindruckende Fotos, von Wäldern, Blumen und Pools.

Schönheit, die nicht harmlos bleibt

Das ist überhaupt eine Stärke dieser Ausstellung. Viele Arbeiten sind sofort schön. Grafisch, klar, fast hypnotisch. Aber sie bleiben nicht harmlos.

Man steht vor diesen Bildern und sieht zunächst Ordnung. Dann sieht man Eingriff. Dann Nutzung. Dann Veränderung. Und irgendwann stellt sich die Frage, wie viel Gestaltung eine Landschaft verträgt, bevor sie nicht mehr Landschaft, sondern Oberfläche ist.

Stephan Zirwes zählt international zu den bedeutenden Vertretern der künstlerischen Luftbildfotografie. Er wurde unter anderem mit dem Sony World Photography Award und dem Hasselblad Masters Award ausgezeichnet. Seine Arbeiten sind weltweit in Ausstellungen, Installationen und Kunstprojekten vertreten. 

Interessant ist: Diese Preise spielen an diesem Abend zunächst gar keine große Rolle. Zumindest nicht im Gespräch. Ich erfahre vieles erst später beim Nachlesen. Und vielleicht ist genau das sympathisch. Zirwes erklärt sich nicht über Auszeichnungen. Er erklärt sich über Bilder.

Placeholder Huts 26 und Placeholder Huts 96 und Covered Glacier 551 und Covered Glacier 0009

Der Blick auf das, was verschwindet

Neben den Poolarbeiten haben mich auch die anderen Werkgruppen beschäftigt. Besonders dort, wo Landschaft nicht als Kulisse erscheint, sondern als etwas Verletzliches.

In einem später gelesenen Porträt über seine Gletscherarbeiten wird deutlich, wie stark bei Zirwes auch Erinnerung und Verlust eine Rolle spielen. Gletscher werden bei ihm nicht nur als Naturformationen gezeigt, sondern fast wie individuelle Körper. Sie haben Struktur, Charakter, Spuren, Verletzungen. Viele dieser Landschaften verändern sich rapide oder verschwinden. 

Das passt zu dem, was man in der Galerie spürt: Zirwes fotografiert nicht einfach schöne Landschaften. Er fotografiert Zustände. Manchmal zeigt er, was da ist. Manchmal zeigt er, was gefährdet ist. Und manchmal zeigt er, was der Mensch zurücklässt.

Schönheit an Orten, an denen man sie nicht erwartet

Ein weiterer Gedanke wird beim Nachlesen noch klarer: Zirwes sucht Schönheit nicht nur dort, wo man sie ohnehin erwartet. Auch industrielle Orte, Hafenanlagen, Baustellen, Lagerflächen oder Containerareale können aus der Luft plötzlich eine eigene grafische Kraft entwickeln.

In einem ICON21-Beitrag wird unter anderem der Hamburger Hafen als Beispiel genannt: Container, Flächen, Ordnung, Farbe. Von unten betrachtet oft funktional, von oben plötzlich Bild. 

Vielleicht ist das der Kern seiner Arbeit: Er verändert nicht den Ort. Er verändert unseren Blick auf ihn.

Adrian und die Blumen

Adrian ist an diesem Abend besonders von den, ich nenne es einmal, Blumenfotos beeindruckt. Auch das gefällt mir an dieser Ausstellung: Sie legt einen nicht auf eine einzige Lesart fest. Der eine bleibt an den Pools hängen, der andere an den floralen Strukturen, der nächste an den Landschaften, den Linien, den Spuren, der Technik.

Das spricht für diese Arbeiten. Sie sind klar genug, um sofort zu wirken. Aber offen genug, um verschiedene Zugänge zuzulassen.

Ein Abend, der länger bleibt als geplant

Am Ende lassen Adrian und ich die weiteren Interessenten in der Galerie zurück und gehen wieder Richtung Minotti. Hamburg bleibt an diesem Tag dicht getaktet. Ob Design, Kunst oder Technik – gefühlt finden alle spannenden Veranstaltungen immer gleichzeitig statt.

Aber die Bilder von Stephan Zirwes bleiben im Kopf.

Nicht, weil sie laut sind. Nicht, weil sie sich aufdrängen. Sondern weil sie eine Perspektive anbieten, die man nach dem Besuch nicht sofort wieder loswird.

Man verlässt die Galerie und sieht die Welt für einen Moment anders. Geordneter vielleicht. Verletzlicher. Grafischer. Und merkwürdig offen.

Vielleicht ist genau das das Beste, was Fotografie leisten kann.

Besuchsinformationen

„Selected Works“ von Stephan Zirwes
Livia Lisboa Fotokunst Galerie
Neuer Wall 86
20354 Hamburg

Laufzeit: bis 30. Mai 2026
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, 11:00 bis 14:00 Uhr und 15:00 bis 18:00 Uhr
Eintritt: frei
Weitere Informationen: www.lisboa-fotokunst.de

Titelbild: Olbia Pool mit Bar
Fotos Copyright: Livia Lisboa / Wallocha 
Syltexklusiv

Stefan Kny
Stefan Kny
Stefan Kny ist Verleger, Journalist und Chefredakteur. Auf syltexklusiv.com schreibt er mit Begeisterung über das, was ihn bewegt: von Ausstellungen und Autotests bis hin zu neuen Themenwelten, die auf Sylt beginnen – oder dort ihre ganz eigene Tiefe entfalten.

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