Inhaltsverzeichnis
- Auftakt mit Ansage: „Kunst als Wertanlage“
- Begrüßung: Bank, Marke, Bühne
- „Es geht nicht um Bewertungen“: Eine kluge Verschiebung
- Dorotheum: Tradition mit System
- Digitalität: Nicht Prozess, sondern Zustand
- „Wie wirkt das bei mir zuhause?“: Der Kontext als Verkaufsargument
- Influencer und Messen: Die neue Geschwindigkeit des Geschmacks
- Passion statt Prozent: Der emotionale Ertrag
- Der zweite Akt: Elektroporsche und Sonderwunsch
- Pointe aus Schokolade
Auftakt mit Ansage: „Kunst als Wertanlage“
Im Porsche Studio Sylt – wo sonst Lacktöne verhandelt werden wie in anderen Häusern das Wetter – war an diesem Abend die Dramaturgie bereits in der Einladung angelegt: „Den Auftakt macht ein inspirierender Vortrag von Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, die ihr fundiertes Wissen zur Kunst als Wertanlage mit Ihnen teilt.“ Ein Satz, der den Raum mit Erwartungen möbliert: Wird über „Blue Chips“ gesprochen, über Provenienzen, über jene geheimnisvolle Mathematik, die aus Leinwand, Signatur und Zeitgeist eine Zahl macht?
Begrüßung: Bank, Marke, Bühne
Nach herzlichem Empfang folgten die Eingangsworte von Dirk Ehlers, Vorstand der Sylter Bank eG, und Marco Kempa, Standortleiter des Porsche Studios Sylt – eine doppelte Klammer aus Bank und Marke, die an diesem Ort wie selbstverständlich zusammenpasst. Und dann, ohne lange Anfahrt über Nebensächlichkeiten, der Hauptvortrag.
„Es geht nicht um Bewertungen“: Eine kluge Verschiebung
Dr. Katharina zu Sayn-Wittgenstein nahm gleich zu Beginn den vermeintlichen Kern der Sache vom Tisch: Es gehe nichtum Bewertungen. Dieser Satz wirkte zunächst wie eine kleine Enttäuschung, aber er war klug gesetzt. Denn er verschob den Blick – weg vom Taschenrechner, hin zur Topografie.
Will sagen: Welche Akteure (Auktionshäuser, Galerien, Messen, Sammler), welche Strömungen, welche Regionen, welche Mechanismen (Trends, Digitalität, Sichtbarkeit), welche Wege nimmt ein Werk vom Atelier bis zur Auktion?

© Susanne Dupont
Zu Sayn-Wittgenstein sprach aus einer Perspektive, die man „Vogelperspektive“ nennen könnte, wäre sie nicht zugleich präzise und kühl genug, um die Romantik des Begriffs zu vermeiden. Als Geschäftsführerin von Dorotheum Deutschland kennt sie weniger die Einzelneigung des Sammlers als die Strömungen, die Sammler überhaupt erst formen. Und sie Teil eines Hauses, dessen Tradition allein schon eine Botschaft ist: Das Dorotheum wurde 1707 gegründet, sitzt in der Dorotheergasse 17 im ersten Wiener Bezirk und gilt als größtes Auktionshaus für Kunst und angewandte Kunst im deutschsprachigen Raum und in Mitteleuropa; neben Auktionen tragen Handel und das klassische Pfandgeschäft das Geschäftsmodell.
Dorotheum: Tradition mit System
Wer nun dachte, Tradition bedeute hier: viel Holz, wenig WLAN, wurde freundlich korrigiert. Das Dorotheum steht nicht nur für Auktion, sondern für eine Markt-Architektur: Auktionen, Handel, Pfandgeschäft – ein Dreiklang, der dem Haus Stabilität gibt und zugleich erklärt, warum es Krisen, Moden und Medienwechsel überlebt.
Digitalität: Nicht Prozess, sondern Zustand
Der Vortrag drehte sich – erstaunlich eindeutig – um Digitalität. Und ja: Digitalität, nicht bloß Digitalisierung. Der Unterschied ist mehr als Wortklauberei. Digitalisierung beschreibt den Vorgang: analog wird digital, der Katalog wird PDF, der Bieterzettel wird Online-Formular. Digitalität hingegen ist der Zustand, in dem das Digitale nicht mehr Werkzeug, sondern Lebensraum ist: eine Kulturtechnik, die Erwartungen, Tempo, Sichtbarkeit und sogar die Formen des Begehrens verändert.
Zu Sayn-Wittgenstein nahm die Gäste mit auf eine kleine Zeitreise: von zugeschickten Katalogen, die früher wie Saisonware ins Haus kamen, bis zu Apps und Live-Formaten, die das Bieten in Echtzeit an die Handkante des Alltags legen. Das Auktionshaus wird dabei weniger Bühne als Schnittstelle.
„Wie wirkt das bei mir zuhause?“: Der Kontext als Verkaufsargument
Ein Trend, den man aus dem E-Commerce längst kennt – „Wie sieht ein Objekt in meinem Zuhause aus?“ – ist nun auch in der Welt der Auktionen en vogue: Visualisierungen, Kontextbilder, digitale Tools, die das Objekt in fremde Räume setzen, damit es im eigenen Kopf ankommt.
Auch digitale Kunst – ein Feld, das lange zwischen Hype und Häme pendelte – wurde nicht als Randnotiz, sondern als Prozentzahl behandelt: nüchtern, grafisch, in Slides, die an der Wand so still behaupteten, was im Publikum oft noch diskutiert wird.
Influencer und Messen: Die neue Geschwindigkeit des Geschmacks
Interessant wurde es dort, wo das vermeintlich Leichte schwer wiegt: der Einfluss von Influencern in der Kunstszene. Nicht als Krawallthema, sondern als Beobachtung. Kein Magazin ist so schnell wie eine Person, die mit Jahren – oder Jahrzehnten – Erfahrung über die wichtigsten Messen, Preview-Tage und Hinterzimmergespräche berichtet und damit kuratiert, was andere erst noch „entdecken“ möchten.
Für die meist älteren Gäste war das gleichermaßen erhellend wie irritierend: Insiderwissen, früher gebunden an Orte und Beziehungen, zirkuliert heute als Content. Der internationale Markt – auch mit Blick auf asiatische Kundschaft – erscheint dabei weniger als Geografie denn als Netzwerk, das ständig online ist.
Passion statt Prozent: Der emotionale Ertrag
Und dann, fast wie ein Gegengewicht zur ganzen Digitalität, kam gegen Ende das Thema, das in keiner Bilanz steht und doch jede Entscheidung trägt: Emotion. Wer ein Kunstwerk kauft, es Jahre im Wohnzimmer betrachtet und später wieder verkauft, sollte nicht nur Gewinn oder Verlust in die persönliche Rechnung aufnehmen, sondern auch den emotionalen Ertrag: die tägliche Freude, das Gespräch, das das Bild eröffnet hat, die Stimmung, die es stiftete.

Ein Wort fiel, das in diesem Zusammenhang wie ein Schlüssel klingt: Passion. Kunst als Privatanlage beginnt demnach nicht bei der Rendite, sondern beim Gefallen. Und anders als Aktien lässt sich ein Werk nicht „mal eben“ drehen – es hängt, es bleibt, es widerspricht, es begleitet.
Der zweite Akt: Elektroporsche und Sonderwunsch
Nachdem die Kunst den Abend geerdet hatte, meldete sich noch einmal die Welt der Institutionen: die DZ Bank kam zu Wort, und über Herrn Kempa bekamen wir per Videoeinblick den elektrischen Porsche Cayenne zu sehen – samt der Nachricht, dass am Standort Sylt auch ein Werkstattservice entsteht.
Und weil Porsche nie nur Auto, sondern immer auch Erzählung ist, folgte das Kapitel Sonderwunsch: „You dream it. We build it.“ Personalisierung, Materialkombinationen im Interieur, Designlackierungen, Räder, Bauteile, ausgefallene Stoffe, individuelle Belederung, Logos und Designelemente – detailverliebt, handwerklich, als wäre die Manufaktur der letzte Ort, an dem das Versprechen der Einzigartigkeit noch wörtlich genommen wird. Meine persönliche Einschätzung:
Aus aktueller Sicht ist „Sonderwunsch“ bei Porsche weit mehr als ein hübsches Boutique-Angebot für besonders zahlungskräftige Ästheten – es ist eine strategische Antwort auf einen Trend, der in der gesamten Autoindustrie (und besonders im Luxussegment) an Gewicht gewinnt: Individualisierung als Geschäftsmodell.
Pointe aus Schokolade
Stumpi’s Catering rundete den Abend ab – und dann die Frage, die man auf Sylt gerne mit einem Lächeln stellt, weil sie immer ein kleines Spiel mit dem Luxus ist: Ging jeder Teilnehmer mit einem Porsche nach Hause? Man kann sie bejahen. Am Ausgang erhielt jeder einen Porsche aus Schokolade – und ein schönes Notizbuch der DZ Bank.
Vielleicht ist das die eleganteste Pointe dieses Abends: Die Kunst wurde nicht bewertet, der Porsche nicht gekauft, aber beide hinterließen etwas Greifbares. Und zwischen Digitalität und Dorotheergasse, zwischen Sonderwunsch und Wohnzimmerbild blieb vor allem eines hängen: dass Wert – ob an der Wand oder auf vier Rädern – am Ende selten nur eine Zahl ist.
Text: Stefan Kny
Wir glauben an Formate, die Substanz haben – und berichten darüber mit der nötigen Ruhe, Sorgfalt und Sprache. Wenn Sie Ihre Veranstaltung redaktionell begleitet wissen möchten, kommen Sie gern auf uns zu.
Schreiben Sie gerne der Redaktion.
Das könnte Sie auch interessieren:



