In unserem Fortsetzungskrimi geht es heute mit Teil 22 von Dünengrab weiter. Hier startet der Fortsetzungskrimi.
Bente saß mit ihrem Team im Besprechungszimmer und trug die Vorkommnisse in zeitlicher Abfolge vor, ohne sich in Mutmaßungen zu verlieren. Das brachte alle auf den aktuellen Stand und ihr half es, die Gedanken zu sortieren.
»Hat einer von euch noch was?«
Klemme räusperte sich.
»Torben Niemann hat angerufen. Offenbar hatte er sich überlegt, dass er sich vor der Polizei nicht verstecken wollte. Als er gehört hat, dass Svea Larsen und ihr Ehemann tot sind, ist er am Telefon zusammengebrochen. Es hat Minuten gedauert, bis er sich wieder im Griff hatte.«
Jemandem mitzuteilen, dass ein geliebter Mensch ermordet wurde, bedeutete für jeden Kollegen eine unbeliebte Aufgabe.
»Er sitzt bereits im Zug und müsste in einer Stunde auf der Insel sein.«
Klemme warf einen prüfenden Blick auf seine Armbanduhr.
»Hat er ein Alibi?«
»Äh…, hab ich jetzt nicht gefragt, aber er kommt ja her!«
Hansen rollte mit den Augen. Klemme war ne Marke für sich.
Kurz war Bente versucht, aus der Haut zu fahren, besann sich aber eines Besseren. Schließlich hatte Torben Niemann freiwillig angeboten, zu kommen. Er hatte aller Wahrscheinlichkeit nach nichts mit den Todesfällen zu tun.
Dennoch konnte sie sich eine Bemerkung nicht verkneifen.
»Klemme, was ist das wichtigste Indiz bei einem Mordfall, um einen Täterkreis einzugrenzen oder auszuschließen?«
»Das Alibi!«, antwortete er kleinlaut.
»Aber er hat so bitterlich am Telefon geweint, da hab ich es nicht übers Herz gebracht, ihn zu fragen.«
Für einen Augenblick herrschte Stille im Raum. Klemmes entwaffnende Offenheit zeigte, dass er ein mitfühlender Mensch war und Bente wusste, dass ein Polizist, egal, ob Streife oder Polizeipräsident, in allererster Linie Menschlichkeit mitbringen sollte.
Vielleicht war diese Dienststelle ein wahrer Glücksfall für sie und sie würde wieder zurück zu der Bente, die sie früher einmal war, finden. Mitfühlend und an das Gute im Menschen glaubend.
Sie grinste Klemme an.
»Das war umsichtig von dir!«
Klemme atmete erleichtert auf.
»Außerdem haben Timme und ich den Anwalt unter die Lupe genommen. Er hat eine reine Weste, wie zu erwarten. Noch nicht mal n Ticket wegen Falschparkens.«
Timme wischte mit dem Finger über sein iPad.
»Er ist unverheiratet, kinderlos und wohnt allein. Im Netz gibts nur positive Bewertungen über ihn. Offensichtlich ist er vor ein paar Jahren groß ins Bitcoingeschäft eingestiegen, hat damit Millionen gemacht, aber auch wieder verloren. Ob er aktuell in finanziellen Schwierigkeiten steckt, können wir nicht sagen.«
»Als Anwalt bist du immer so reich, wie deine Mandanten dich machen.«, brummte Hansen.
»Gibt es irgendwelche Infos aus seiner Jugend oder Studienzeit?«
Timme schüttelte den Kopf.
»Hat in Freiburg Jura studiert und mit summa cum laude abgeschlossen, spricht Englisch, Spanisch und Französisch fließend und hat sich vor knapp 5 Jahren in Hamburg niedergelassen.«
Klemme scrollte mit seinem Finger auf dem Display.
»Vorher hat er Spanien, England und Frankreich gelebt, in der Reihenfolge. Dort hat er jeweils in renommierten Kanzleien gearbeitet. Der ist sauber, vielleicht zu sauber.«
Timme beendete seinen kleinen Vortrag mit einem Schulterzucken.
Bentes Handy klingelte. Flackner.
»Warte, ich stell dich auf Lautsprecher.«
»Wir haben Blutproben von den Larsens genommen. Bei beiden konnten wir eine hohe Konzentration Chloroform nachweisen. Sprich, Benno Larsen ist definitiv nicht in dieses Heidegrab gestürzt, er war vorher schon bewusstlos!«
Für den Moment herrschte Stille.
»War eigentlich auch zu erwarten, nach dem Selbstmord von der Sellering. Benno Larsen hat seine Frau definitiv nicht umgebracht. Zu dem Zeitpunkt muss er schon tot gewesen sein.«
Flackners Ton war sachlich.
»Habt ihr schon etwas zu Lisa Sellering?«, fragte Bente.
»Die liegt noch nicht bei uns auf dem Tisch. Eins nach dem anderen! Übrigens, Brodersen?«
»Ja?«
»Wir machen hier nur deinetwegen Überstunden, damit dir das klar ist!«
»Ach hör doch auf, Flackner! Mein Mitleid hält sich in Grenzen! Wenn am Wochenende gemordet wird, dann sind wir eben alle im Dienst! Das bringt der Job mit sich.«
»Bei der Sellering gibts auf jeden Fall keine Ergebnisse vor morgen, wahrscheinlich erst übermorgen.«
»Okay!«
»Wie bitte? Habe ich ein okay gehört? So zahm kenne ich dich gar nicht!«
»Du mich auch, Flackner!«
Bente beendete das Gespräch, aber Flackners Lachen war noch zu hören gewesen.
Hansen grinste und als Bente ebenfalls grinste, löste sich die Spannung im Raum und Ulrike schlich sich zu dem Alten und ergatterte einen Hundekeks.
Die Spuren am Tatort, die Indizien und vor allen Dingen ein plausibler Tathergang ließ das Team letztendlich zu dem Schluss kommen, dass Lisa Sellering Benno Larsen und Juliette Durand über Wochen hinweg gestalkt haben musste, was die zahlreichen Fotos zu unterschiedlichen Jahreszeiten bewiesen.
Sie hatten den Strick bei ihr in der Wohnung gefunden, das Chloroform und die morbiden Fotos, die eindeutig auf ein Gewaltpotential hinwiesen.
Der Tathergang wies zwar noch einige Lücken auf, aber sie konnte sich mit Benno Larsen getroffen und ihn betäubt, erschlagen und in die Grube geworfen haben. Vielleicht hatte sie danach bei Svea Larsen geklingelt und war unter irgendeinem Vorwand von ihr hereingebeten worden.
Im Schlafzimmer existierten Spuren eines Kampfes, in dessen Verlauf sie ihr Opfer betäubt und dann mit dem Strick stranguliert haben konnte.
Bente und ihr Team schrieben die entsprechenden Notizen für den Bericht, ordneten die jeweils gesicherten Spuren und Indizien den Opfern und Tatorten zu.
Nach einigen Stunden, in denen ein Pizzabote 4 große Kartons gebracht hatte und dreimal neuer Kaffee aufgesetzt worden war, war der Bericht fertig.
»Sind alle damit zufrieden?«
Bente stellte ihre Frage neutral.
Heike und Hansen schüttelten gleichzeitig den Kopf.
»Welche Rolle spielt Juliette Durand dabei?«, fragte Heike und sprach damit aus, was auch Bente umtrieb.
»Seit der Aussage von Herrn Markmann wissen wir, dass sie lebt. Ohne ihn würden wir davon ausgehen, dass Lisa Sellering auch sie getötet hat und wir die Leiche irgendwann, irgendwo finden würden.«
»Sie ist schwanger. Vielleicht hat sie sich Sellering anvertraut und kalte Füße bekommen, als sie in den Plan eingeweiht wurde. Das würde auch den Notruf erklären.«, warf Timme ein.
Bente nickte beifällig.
»Könnte möglich sein!«
Es war die einzig logische Erklärung.
»Und sie meldet sich nicht bei uns, weil sie als Mitwisserin gelten würde und außerdem ihr Verschwinden mit der blutigen Strickjacke fingiert hatte. Sie wird sich auf keinen Fall den deutschen Behörden stellen wollen.«
Bente dachte nach.
»Da niemand weiß, wer sie in Wirklichkeit ist, kann sie, sobald sie erstmal von der Insel runter ist, zurück nach Frankreich und dort unbehelligt bis ans Ende ihrer Tage leben. Wir haben zwar Streifen am Bahnhof, die die Augen offenhalten, aber bei den Massen an Touristen wird es für sie ein Leichtes sein, aufs Festland zu kommen und für immer zu verschwinden.«
Bente sah in die Runde.
»Aber es gibt Dinge, die mich stören! Lisa Sellering machte auf mich einen übergriffigen, tratschsüchtigen Eindruck, aber ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, mit einer eiskalten Mörderin zu reden!«
»Selbstmord ist meist eine Handlung im Affekt, außerdem kann jemand wie die Sellering, die ein Ehepaar stalkt und es dann auch noch umbringt, nicht mit rationalen Maßstäben gemessen werden.«, bemerkte Klemme.
»Kann sein, aber ich blicke einfach nicht durch die Planung!«, nimmt Bente den Faden auf.
»Sie hat alles so perfekt geplant, von Beginn an so viele Details bedacht, über Monate Fotos und gemacht und es dann einfach darauf angelegt, es so aussehen zu lassen, dass Benno Larsen seine Frau umgebracht hat und danach tödlich gestürzt ist.«
»So ungefähr, ja!«, nickte Heike.
»Aber warum?«
»Was heißt, warum?«
»Warum hat sie sich so viel Mühe gegeben und ist so ein großes Risiko eingegangen, wenn sie sich letzten Endes selbst erhängt?«
»Wir wissen nicht, wie eine Mörderin tickt!«, sagte Klemme.
»Vielleicht ist sie nach der Tat zu sich gekommen und konnte mit den Schuldgefühlen nicht mehr leben? Wie gesagt, ich glaube nicht, dass sie ihren Selbstmord von vornherein geplant hatte.«
»Das alles befriedigt mich einfach nicht!«
Bente suchte Unterstützung bei Hansen, der ihren Blick mit einem Schulterzucken beantwortete.
»Ich glaube, da kommt Torben Niemann! Ich erkenne ihn von den Fotos auf den Wahlplakaten!«, rief Heike und wies zum Fenster, durch das sie einen Blick auf den Parkplatz hatte.
»Vielleicht bringt er Licht in die Angelegenheit und kann sogar etwas zu dem Au-pair-Mädchen sagen?«
Bente beendete die Lagebesprechung und Hansen drückte sich am Tisch vom Stuhl hoch.
»Auch wenn wir die mutmaßliche Täterin haben, ist Juliette Durants Rolle in diesem Fall vollkommen ungeklärt. So, wie es aussieht, steht die Chance, sie zu finden, nicht gerade hoch. Wie soll man da zufrieden sein?«
Er klang enttäuscht und missmutig.
»Da bleibt nur zu hoffen, dass das Karma sich irgendwann erinnert und sie ihre gerechte Strafe bekommt!«
In Kooperation mit der Krimi-Autorin Krinke Rehberg präsentieren wir Ihnen den fesselnden Syltkrimi Dünengrab in mehreren Teilen. Jeden Samstag erscheint morgens ab 8.00 Uhr ein neuer Teil, des SyltKrimis. Lehnen Sie sich zurück, lassen Sie sich mitreißen und verpassen Sie Woche für Woche keine Folge des SyltKrimis. Wir lesen uns am kommenden Samstag mit Folge 23 wieder. Titelbild: Unis Riba/Shutterstock.com.