Manchmal braucht es keine nostalgische Postkarte, die nur ein bisschen “wackelt”. Man braucht Bewegung, Tiefe – und den Mut, Geschichte wieder atmen zu lassen. Auf Instagram zeigt Jürgen Oman genau das: historische Filmszenen von Sylt, die wirken, als hätte jemand damals schon mit der Kamera am Strand gestanden. Keine reine Bild-Animation, sondern echte Kamerafahrten, lebendige Straßenszenen, Gesichter, Wind, Alltag – ein Sylt von gestern, das plötzlich wieder Gegenwart wird.
Der große Zuspruch kommt nicht von ungefähr. Denn Omans Arbeiten funktionieren nicht nach dem Prinzip “ein Foto rein, Effekt raus”. Hier steckt deutlich mehr dahinter: ein Gefühl für Rhythmus, Perspektive und Authentizität – und ein technischer Prozess, bei dem KI zwar eine Rolle spielt, aber nicht der Star ist. Der Star ist die Illusion von Wirklichkeit: dass Zeit nicht einfach vergangen ist, sondern nur kurz stillstand.
Wir haben Jürgen Oman für ein Interview getroffen.
Wie beginnt bei dir ein Film – mit dem Bild, mit einer Idee oder mit einem Gefühl für eine Szene?
Zuerst überlege ich mir, welcher Ort mich interessieren würde. Dabei finde ich natürlich Orte spannend, die heute anders aussehen als früher, weil sie vielleicht im Krieg stark gelitten haben. Zu vielen Orten hab ich auch einen persönlichen Bezug. Manche wurden mir aber einfach auch nur von Zusehern vorgeschlagen.

Was ist für dich der entscheidende Unterschied zwischen „animierten Postkarten“ und dem, was du machst?
Ich weiß gar nicht, was mit animierten Postkarten genau gemeint ist. Was meine Videos speziell macht ist, dass man wirklich das Gefühl hat, als hätte das damals vor 100, 200, 300 Jahren, jemand mit einer modernen Kamera gefilmt. Dadurch kann man diese Zeit nochmal ganz hautnah erleben.

Wie viel ist Handwerk und wie viel ist KI – und an welcher Stelle wird es bei dir bewusst „menschlich“?
Zuerst kommt mal die Recherche, die Bildersuche, die Auswahl. Das ich wahrscheinlich der menschlichste Part bei dem Ganzen. Im nächsten Schritt wird aus dem Ausgangsbild – das kann ein Foto sein, aber auch eine alte Zeichnung, ein Kupferstich oder ein Gemälde – ein realistisches Foto generiert, als wäre es mit einer modernen Kamera aufgenommen worden. Dabei achte ich darauf, dass die Komposition und die Details so weit wie möglich erhalten bleiben. Wenn ich damit zufrieden bin, wird aus diesem Bild ein 10 Sekunden langer Videoclip erstellt. Mein menschlicher Einfluss besteht dabei, zu kuratieren, der KI zu sagen, wie die Bilder aussehen sollen – ob zum Beispiel die Lichtstimmung freundlich sein soll oder eher düster, wie sich die Menschen und Fahrzeuge bewegen sollen, wie sich die Kamera bewegt, und die KI zu kontrollieren, damit nicht zu viele Halluzinationen vorkommen.
Wonach wählst du das Ausgangsmaterial aus: technische Qualität, historische Bedeutung oder Erzählpotenzial?
Die technische Qualität ist mir gar nicht wichtig – ich kann auch aus extrem schlechten Fotos noch was tolles machen. In erster Linie geht es mir um das Erzählpotenzial – ich will nichts zeigen, was heute noch genau so aussieht wie früher oder Szenen aus Jahren als es schon Bewegtbild gab.

Sylt ist ein Sehnsuchtsort. Wie gehst du damit um, dass viele Zuschauer nicht nur Bilder sehen – sondern ihre eigene Erinnerung?
Das ist eigentlich perfekt. Wenn man damit eine gewisse Sehnsucht auslösen kann, hat das was mit Emotion zu tun und das finde ich gut. Etwas zweischneidig finde ich die Romantisierung des Gestern. Weil natürlich viele Leute kommentieren, dass früher alles besser war und sie gern in der damaligen Zeit leben würden. Ich würde auch gerne mal für einen Tag zurückreisen aber ich will nicht in einer Zeit leben, in der man mit 25 an einem Blinddarmdurchbruch gestorben ist.

Welche Szene oder Kamerafahrt hat dich selbst am meisten überrascht, als sie „zum Leben“ erwacht ist – und warum?
Ich bin immer wieder selbst überrascht was die KI aus meinen Vorlagen macht. Vor allem, wenn die Vorlagen sehr detailarme Kupferstiche sind – da landet man dann wirklich plötzlich in einer Welt die so noch keiner von uns gesehen hat.
Und für alle Technik und AI Freaks: welche Tools und Schnittprogramme kommen zum Einsatz.
Da ich ja Mediendesigner bin, muss ich ständig bei neuen Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben. Darum ist das für mich sowas wie eine Spielwiese um neue KI Modelle auf halbwegs sinnvolle Art auszuprobieren. Ich hab darum auch gar nicht ein bestimmtes Tool, sondern probiere immer die gerade aktuellsten aus. Zum Schnitt verwende ich DaVinci Resolve – was für die Clips völlig überdimensioniert ist, aber das ist halt auch mein go too Tool für andere Projekte.
Über Jürgen Oman
Ich heiße Jürgen Oman, bin Mediendesigner (https://www.jungedigitale.at/) und Musiker (https://www.andykorg.com/) aus Linz in Österreich. War selbst erst einmal auf Sylt – auf der Durchreise nach Amrum 😉 Ich beschäftige mich seit Jahren mit KI und der rasanten Entwicklung. Bin dabei immer auf der Suche nach sinnvollen Einsatzgebieten, die nicht nur AI Slop sind.
Vielen Dank für das Interview!
Die Fotos sind Screenshots aus dem Film.
Copyright: Jürgen Oman.



