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Es ist ein Thema, das zuverlässig Zündstoff liefert.
Wie wichtig ist der persönliche Austausch mit dem Verkaufspersonal? Was geht verloren, wenn der Mensch an der Kasse verschwindet? Und was entsteht neu? Im Netz werden darüber mit großer Verve Debatten geführt, nicht selten mit der üblichen Mischung aus Prinzipientreue, Empörung und kulturkritischem Unterton. Der personallose Laden erscheint darin mal als Symbol kalter Effizienz, mal als pragmatische Antwort auf einen Mangel, den inzwischen fast jeder kennt: Es fehlt an Personal.
Also probieren wir es aus.
In der Norderstraße steht ein Ladenvon Raffelhüschen, der auf Personal weitgehend verzichtet. Kein freundliches „Moin“ hinter dem Tresen, kein kurzer Plausch, kein Kassenzettel, der einem mit routinierter Hand gereicht wird. Stattdessen Technik, Kameras, Automatismen — und die Frage, wie sich das anfühlt, wenn Einkaufen plötzlich ohne Gegenüber stattfindet.
Der Einstieg wirkt zunächst ein wenig wie die Vorstufe zu einem Sicherheitsbereich am Flughafen. Ich stecke meine EC-Karte in das Terminal, gebe die PIN ein, und im selben Moment werden 25 Euro reserviert. Ein kurzer innerer Alarmmoment. Keine Panik: Der tatsächliche Betrag wird erst einige Tage später, je nach Kreditinstitut, korrekt abgerechnet. Dann folgt die nächste Eingabe: Wie viele Personen betreten den Laden? Christine und ich also zu zweit.
Drinnen beginnt ein Einkauf, der erstaunlich schnell selbstverständlich wird. Von nun an gilt: konzentrieren auf das, was man wirklich möchte. Keine Ablenkung, kein Gespräch, keine Frage nach dem Wetter, keine beiläufige Empfehlung. Wer Backwaren will, nimmt sich eine Tüte, greift zur Zange und wählt sein Croissant oder Brötchen, ganz so, wie man es aus vielen SB-Filialen kennt. Die Kameras im Laden sind präsent, aber nicht aufdringlich. Man bemerkt sie, dann vergisst man sie wieder.
Beim Kaffeeautomat dasselbe Prinzip: Bechergröße wählen, Getränk auswählen, Kakao oder Latte Macchiato, und das war es schon. Kein Bezahlen an einer Vertrauenskasse, kein separates Scannen an der Kasse, kein letzter Kontrollblick einer Verkäuferin. Man nimmt seine Waren und verlässt den Laden einfach wieder. Fertig.
Beim ersten Mal ist das ungewohnt. Beim zweiten Mal fast schon Routine.
Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags, und der große Ansturm des Vormittags scheint bereits durchgezogen zu sein. Die Regale sind deutlich geplündert, was in diesem Fall weniger nach Mangel aussieht als nach Akzeptanz. Das Konzept wird genutzt. Während Christine und ich vor dem Laden im Strandkorb sitzen und unsere verkäuferlos erworbenen Backwaren verzehren, kommen nach und nach weitere Kunden. Zwei Handwerker treten ein, zügig, ohne Zögern, als sei das längst Teil ihres Alltags.
Einer von ihnen, Uwe, bringt die Sache auf den Punkt. „Schöne Sache“, sagt er. „Ich halte mit dem Auto vor der Tür, nehme meinen Kaffee und mein Brötchen und fertig bin ich.“
Auf die Frage, wann eigentlich abgebucht werde, winkt er fast schon amüsiert ab: „Keine Ahnung, hab ich mich noch nie mit beschäftigt. Ich bin ja fünf Tage die Woche hier.“
Die größere Theorie interessiert im Alltag oft weniger als die funktionierende Praxis.
Ein Blick auf die Abrechnung bestätigt später: 11,75 Euro für Croissant, Brezel und zwei große Getränke, inklusive zweimal einem Euro Pfand. Preise wie im normalen Laden. Kein Aufschlag für das Neue, kein Rabatt für die Selbstbedienung, schlicht ein Einkaufsvorgang ohne Personal.
Gerade darin liegt einer der Gründe, weshalb das Modell so emotional diskutiert wird. Kürzlich ging ein Video viral, in dem ein Mann sich lautstark darüber beklagte, nun selbst jene Handgriffe zu übernehmen, die früher eine Kassiererin erledigt habe: Ware aus dem Regal nehmen, Ware scannen, zahlen — wenn er die Arbeit selbst mache, müsse es doch eigentlich billiger werden. Ein Satz, der im Netz auf offene Ohren traf und zugleich jenen Reflex bediente, der viele Debatten dieser Art prägt: die schnelle Empörung über den vermeintlichen Verlust von Fairness, Nähe oder Normalität.
Und doch greift diese Sicht zu kurz.
Der Laden in der Norderstraße ist kein Frontalangriff auf den klassischen Einzelhandel. Er ist eher ein Add-on, eine Ergänzung zu den personalbetriebenen Geschäften, nicht deren Ersatz. Wer den kurzen Schnack schätzt, den spontanen Austausch, das freundliche Lächeln am Morgen, wird dafür weiterhin Orte finden — und suchen. Wer es dagegen eilig hat, nur rasch einen Kaffee und ein Croissant holen will, findet hier eine Form von Alltagserleichterung, die man nicht vorschnell geringschätzen sollte.
Wird man dadurch weniger kommunikativ? Wohl kaum.
Nimmt man jemandem den Arbeitsplatz weg? In einer Zeit, in der vielerorts Personal händeringend gesucht wird und gerade vor Beginn der Saison jede Entlastung willkommen sein dürfte, erscheint auch diese Kritik zumindest erklärungsbedürftig. Man muss den personallosen Laden nicht lieben, um anzuerkennen, dass er auf ein reales Problem reagiert.
Vielleicht liegt die Wahrheit, wie so oft, nicht in der lauten Zuspitzung, sondern im Dazwischen. Nicht in Schwarz oder Weiß. Nicht in der Behauptung, hier werde die Zukunft des Handels gefeiert, und auch nicht in der Klage, hier werde das Soziale abgeschafft. Sondern in der nüchternen Beobachtung, dass beides nebeneinander existieren kann: der Laden mit Gespräch — und der Laden ohne.
Der eine für den Moment, in dem man Zeit hat. Der andere für den Moment, in dem man einfach nur schnell seinen Kaffee möchte.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieses kleinen Selbstversuchs in der Norderstraße: Nicht alles, was auf den ersten Blick kühl und unpersönlich wirkt, ist automatisch ein Verlust. Manches ist schlicht eine Antwort auf die Gegenwart.
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