Mittwoch, Januar 28, 2026

Das Lächeln kurz vor dem Ende

Warum Unternehmer sagen, es laufe „blendend“ – und zwei Monate später ist alles zu

Intro:

Es ist einer dieser Sätze, die in einem Raum hängen bleiben, weil sie zu glatt sind.
„Blendend“, sagt der Geschäftsinhaber. „Es könnte nicht besser sein. Wir wachsen. Alle sind happy.“

Wer solche Sätze hört, nickt meistens. Man freut sich, man geht weiter. Vielleicht denkt man: Schön, wenn es mal läuft. Vielleicht spürt man kurz etwas anderes – einen winzigen Riss unter dem Lack – und schiebt es weg, weil man niemand sein will, der misstrauisch wirkt, wenn jemand gerade erfolgreich ist.

Zwei Monate später ist der Laden geschlossen. Die Tür bleibt dunkel. Dann die Nachricht: Insolvenz. Und als Erklärung ein Satz, der klingt wie eine ordentlich formulierte Pressemitteilung aus dem Inneren eines Chaos: Man wolle sich auf anderes fokussieren.

Der Widerspruch ist nur auf den ersten Blick so groß. In Wahrheit erzählt er viel über eine Gesellschaft, in der Erfolg eine Pflicht ist und Scheitern ein Makel – und über Menschen, die irgendwann lernen, das eigene Zittern nicht mehr zu zeigen, weil Zittern teuer werden kann.

Die Bühne der Unverwundbarkeit

Ein Unternehmer ist nie nur Privatperson. Er ist – gerade im Lokalen – eine Figur. Eine Adresse, ein Gesprächsstoff, ein Versprechen. Viele Geschäfte leben nicht allein von Waren oder Leistungen, sondern vom Gefühl: Hier hat jemand es im Griff. Hier ist Stabilität. Hier kann man vertrauen.

Deshalb ist der Laden auch Bühne. Kunden, Mitarbeitende, Lieferanten, Vermieter, die Bank – sie alle sitzen gewissermaßen im Zuschauerraum. Und wer einmal erlebt hat, wie schnell Vertrauen kippt, versteht, warum manche Sätze nicht Wahrheit sein wollen, sondern Schutzschild: Wenn ein Unternehmer sagt, es gehe ihm schlecht, kann das nicht nur Mitgefühl auslösen, sondern auch eine Kettenreaktion. Plötzlich werden Zahlungsziele gekürzt, Bestellungen zögerlicher, Mitarbeitende nervös, Gerüchte schneller. Die Krise, die man ausspricht, wird dann zur Krise, die sich beschleunigt.

Psychologen nennen das Fassadenmanagement oder Impression Management. Im Alltag heißt es: stark aussehen, um stark zu bleiben.

Der Moment, in dem man sich selbst glaubt

Nicht alles, was nach außen glänzt, ist bewusst gelogen. Es gibt eine Form des inneren Selbstschutzes, die im Unternehmerischen besonders häufig wird: Man weiß etwas – und weiß es gleichzeitig nicht. Man spürt die Zahlen, die Enge, den Druck. Und dennoch sagt man Sätze, die klingen, als läge die Zukunft schon geschniegelt auf dem Tisch.

Das hat mit kognitiver Dissonanz zu tun: Wenn die Wirklichkeit nicht zum Selbstbild passt, entsteht Spannung. Wer sich als verantwortlich, fähig, kämpferisch erlebt, kann schwer aushalten, dass gerade alles aus dem Ruder läuft. Also baut das Denken eine Brücke, manchmal aus Hoffnung, manchmal aus Trotz: „Es wird schon.“ „Wir haben Wachstum.“ „Wir drehen das.“

In der Krise ist Optimismus oft keine Laune, sondern eine Strategie, um überhaupt aufzustehen.

Scham, die nicht laut wird – aber wirksam

Über Insolvenz spricht man, als sei sie eine moralische Kategorie. Dabei ist sie meistens erst einmal ein ökonomisches Ereignis, oft ausgelöst durch Umstände, die sich gar nicht individuell kontrollieren lassen: falscher Standort, hohe Fixkosten, unerwartete Preissteigerungen, saisonale Einbrüche, ein krankes Team, ein Vertrag, der plötzlich platzt.

Und doch fühlt sie sich persönlich an. Sie berührt Stolz, Identität, Status. Sie trifft nicht nur das Geschäft, sondern die Person dahinter. Scham ist dabei ein merkwürdiges Gefühl: Sie ist leise, sie wirkt nicht dramatisch – aber sie macht einen sprachlos. Sie sorgt dafür, dass Menschen nicht sagen: „Ich habe Angst“, sondern: „Alles super.“ Weil „alles super“ gesellschaftlich akzeptabler klingt als „ich weiß nicht, wie lange das noch hält“.

Man kann diese Dynamik für Überheblichkeit halten. Häufig ist sie eher ein verzweifelter Versuch, Würde zu bewahren.

Hoffnung als Zeitgewinn

Es gibt in vielen Insolvenzen einen Punkt, an dem alles an einem einzigen Ereignis hängt, wie an einem Haken im Sturm. Die Saison beginnt. Ein Investor meldet sich. Ein Großkunde unterschreibt. Eine Kreditlinie wird verlängert. Ein Deal kommt durch.

Von außen sieht das dann manchmal aus wie Realitätsverweigerung. Von innen ist es oft ein letztes, konzentriertes Handeln: Noch ein bisschen durchhalten. Noch diese zwei Wochen. Noch bis zum Monatswechsel. Der Tunnelblick ist dabei nicht Dummheit, sondern ein psychischer Zustand: Das Gehirn blendet aus, was es gerade nicht bewältigen kann, um das Nächste zu schaffen.

Und manchmal ist das Nächste eben: den Tag überstehen, ohne dass der Laden kippt – oder man selbst.

Die saubere Erzählung nach dem Bruch

Wenn es vorbei ist, entstehen Sätze, die das Ende in Form bringen. „Wir fokussieren uns neu“ gehört zu den beliebtesten. Es ist ein Satz wie ein glattes Pflaster. Er ordnet, was chaotisch war. Er gibt dem Kontrollverlust eine Richtung. Er macht aus dem, was passiert ist, eine Entscheidung.

Psychologisch heißt das Rationalisierung: Der Mensch erzählt sich sein Leben so, dass es Sinn ergibt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Bedürfnis. Denn „es ging nicht mehr“ ist schwer zu sagen, vielleicht sogar schwer zu denken. „Wir wollten etwas anderes“ klingt dagegen wie ein Plan.

Es ist die Rückkehr der Würde in die Sprache.

Was man aus dem Widerspruch lesen kann

Wer den Satz „Es könnte nicht besser sein“ hört und später die geschlossene Tür sieht, fühlt sich oft betrogen. Doch vielleicht ist das Gefühl, das dahinter liegt, weniger Betrug als Tragik: die Einsamkeit des Scheiterns in einer Kultur, die nur das Gelingen als erzählenswert betrachtet.

Vielleicht ist es auch ein Hinweis darauf, dass das „Blendend“ manchmal nicht das Gegenteil von Krise ist, sondern ihr Begleitgeräusch. Ein Satz, der nicht beschreibt, wie es ist, sondern wie es sein müsste, damit man weitermachen kann.

Und vielleicht ist genau das der Kern dieses Phänomens: Manche Menschen sagen „alles läuft“, wenn sie innerlich längst kämpfen – nicht gegen andere, sondern gegen das, was sie selbst kaum aussprechen können.

Hinweis der Redaktion

Aus Gründen der Sensibilität und zum Schutz aller Beteiligten verwenden wir ein Stockfoto. Der Beitrag beleuchtet das Thema grundsätzlich und ist nicht als Darstellung einer Einzelgeschichte zu verstehen.

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Stefan Kny
Stefan Kny
Stefan Kny ist Verleger, Journalist und Chefredakteur. Auf syltexklusiv.com schreibt er mit Begeisterung über das, was ihn bewegt: von Ausstellungen und Autotests bis hin zu neuen Themenwelten, die auf Sylt beginnen – oder dort ihre ganz eigene Tiefe entfalten.

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