Wer den Alten Kursaal in Westerland am Freitagabend mit der Erwartung einer klassischen Lesung betrat, dürfte bereits nach wenigen Minuten gemerkt haben, dass dieser Abend andere Wege geht. Matthias Brandt und Jens Thomas präsentieren Robert Blochs Psycho nicht als bloßen Vortrag eines bekannten Romans, sondern als intensive Verbindung aus Schauspiel, Literatur und Klangkunst.

Die Bühne ist nahezu leer. Ein Klavier, ein Stuhl. Dazu jeweils ein Lichtspot auf die beiden Künstler und ein leicht angestrahlter blauer Bühnenvorhang. Mehr braucht diese Inszenierung nicht. Alles konzentriert sich auf das Wesentliche – auf Sprache, Stimme, Klang und Präsenz.
Matthias Brandt ist Schauspieler durch und durch
Es gibt Schauspieler, die einen Text lesen. Und es gibt Schauspieler, die einen Text erleben. Matthias Brandt gehört ohne Zweifel zur zweiten Kategorie.
Vom ersten Satz an wird deutlich, dass hier niemand vor einem Mikrofon sitzt und Seiten vorträgt. Brandt schlüpft in jede einzelne Figur, verändert innerhalb von Sekunden Stimme, Haltung, Mimik und Ausdruck. Eben noch Erzähler, im nächsten Moment Norman Bates oder eine andere Figur der Geschichte – ohne sichtbaren Übergang und dennoch jederzeit nachvollziehbar.
Besonders beeindruckend ist die Selbstverständlichkeit, mit der er zwischen den Rollen wechselt. Jeder Charakter erhält seine eigene Persönlichkeit. Man hört nicht nur unterschiedliche Stimmen, man glaubt den Figuren tatsächlich gegenüberzustehen. Brandt spielt mit jeder Faser seines Körpers. Jede Bewegung wirkt bewusst, jede Pause hat ihren Platz. So entsteht aus Literatur lebendiges Theater.

Jens Thomas erzählt mit Klängen
Ebenso außergewöhnlich ist Jens Thomas.
Von musikalischer Begleitung zu sprechen, würde seiner Rolle nicht gerecht werden. Seine Klänge illustrieren die Geschichte nicht – sie erzählen sie mit. Mal entstehen leise, beinahe schwebende Klangflächen, dann folgen überraschend harte, beinahe verstörende Geräusche. Thomas zeigt eindrucksvoll, dass sich einem Klavier weit mehr entlocken lässt als klassische Melodien.
Er arbeitet mit Anschlägen, Resonanzen, Geräuschen und seiner eigenen Stimme. Dadurch entstehen Klangräume, die Spannung erzeugen, Irritation auslösen und Emotionen verstärken. Seine Performance ist eigenständige Kunst und steht gleichberechtigt neben Brandts Schauspiel.
Zwei Künstler auf Augenhöhe
Die eigentliche Stärke des Abends liegt im Zusammenspiel.
Brandt und Thomas begegnen sich auf Augenhöhe. Keiner dominiert den anderen. Sprache und Klang greifen ineinander, reagieren aufeinander und entwickeln gemeinsam eine Dynamik, die sich nur schwer einer klassischen Kategorie zuordnen lässt.
Mal herrscht völlige Ruhe, dann baut sich innerhalb weniger Sekunden eine enorme Wucht auf. Gerade diese Wechsel zwischen Stille und Intensität verleihen der Aufführung ihre besondere Spannung.
Reduktion als künstlerisches Konzept
Die minimalistische Bühne ist kein Zufall, sondern Teil der Inszenierung.
Ein Klavier, ein Stuhl, eine Getränkeflasche – mehr ist nicht nötig. Das Licht konzentriert sich ausschließlich auf die beiden Künstler und lenkt den Blick dorthin, wo an diesem Abend alles geschieht. Nichts lenkt ab, keine Projektionen, keine Kulissen, keine Effekte. Gerade diese Reduktion verstärkt die Wirkung der Aufführung.
Ein Publikum mit klaren Erwartungen
Schon vor Beginn der Vorstellung wurde in Gesprächen mit anderen Gästen deutlich, weshalb viele den Weg in den Alten Kursaal gefunden hatten. Ein großer Teil des Publikums bestand aus Urlaubern und Zweitwohnungsbesitzern. Viele wollten Matthias Brandt einmal live erleben. Andere erzählten, ihn bereits mehrfach auf der Bühne gesehen zu haben und genau deshalb wiedergekommen zu sein.
Während der gesamten Aufführung herrschte nahezu vollständige Stille. Es gab keinen Zwischenapplaus. Das Publikum hörte aufmerksam zu und schien keinen Satz und keinen Klang verpassen zu wollen.
Natürlich gehören kleine Nebengeräusche zu einem Live-Abend dazu. Neben mir verschaffte sich eine Besucherin unablässig mit einem Fächer etwas Abkühlung. Das gleichmäßige Wedeln entwickelte sich zu einem leisen, fast hypnotischen Rhythmus, der vermutlich nur in meiner unmittelbaren Nähe wahrnehmbar war, meine Konzentration jedoch immer wieder für einen kurzen Moment herausforderte. Kurz vor Schluss fotografierte ein Besucher mit eingeschaltetem Blitz – einer der wenigen Momente, in denen die Konzentration für einen Augenblick unterbrochen wurde.
Kunst muss nicht jedem gefallen
Genau diese unterschiedlichen Reaktionen machen deutlich, dass dieser Abend nicht den Anspruch erhebt, jedem Geschmack zu entsprechen.
Wer eine klassische Lesung oder einen traditionellen Theaterabend erwartet, könnte irritiert sein. Matthias Brandt und Jens Thomas schaffen bewusst etwas Eigenständiges – eine literarisch-musikalische Inszenierung, die Aufmerksamkeit fordert und sich jeder einfachen Einordnung entzieht.
Gerade darin liegt ihre Qualität. Sie versuchen nicht, Erwartungen zu bedienen, sondern entwickeln eine eigene künstlerische Sprache.

Wie so oft nach einer Aufführung blieben auch an diesem Abend viele Besucher noch vor dem Alten Kursaal stehen. Man tauschte Eindrücke aus, sprach über einzelne Szenen und die besondere Dynamik zwischen Matthias Brandt und Jens Thomas. Auf meine Frage nach dem persönlichen Fazit überwog deutlich die Begeisterung. Immer wieder war von einem außergewöhnlichen Theatererlebnis, der intensiven Präsenz Brandts und der beeindruckenden Klangwelt von Jens Thomas die Rede.
Fazit
Mit Psycho gelingt Matthias Brandt und Jens Thomas ein außergewöhnlicher Theaterabend. Brandt beweist eindrucksvoll, weshalb er zu den herausragenden Schauspielern Deutschlands zählt. Er liest nicht – er spielt, lebt und verkörpert jede Figur.
Jens Thomas ergänzt diese Darstellung nicht nur, sondern erweitert sie um eine zweite Erzählebene. Seine Klänge schaffen Atmosphäre, Spannung und Emotionen, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen.
Gemeinsam gelingt den beiden Künstlern eine Inszenierung, die weit über eine Lesung hinausgeht. Sie fordert Konzentration, belohnt diese aber mit einem intensiven Erlebnis, das noch lange nachwirkt.
Lesetipp:



