In unserem Fortsetzungskrimi geht es heute mit Teil 24 von Dünengrab weiter. Hier startet der Fortsetzungskrimi.
Mittlerweile neigte sich der Sonntagnachmittag dem Abend zu und Bente saß immer noch an ihrem Schreibtisch.
Zwei Hunderunden mit Ulrike an der frischen Nordseeluft hatten ihr nicht die erhoffte Klarheit gebracht.
Sie hatte die Kollegen nach Hause geschickt und den Bereitschaftsdienst für die Nacht übernommen. Schließlich blieb sie ohnehin in der Wache, da sie bei den Ereignissen, die sich nahtlos aneinandergereiht hatten, nicht dazu gekommen war, eine andere Bleibe zu suchen. Morgen würde sie ihr Apartment beziehen!
Ulrike suchte sich einen Platz. Sie drehte sich mehrmals im Kreis und ließ sich auf dem kleinen Teppichvorleger, der vor dem Schreibtisch lag, nieder.
Bente nutzte die Zeit, um sich in dem Büro einzurichten. In dem Containerbau war kein Platz für ein großzügiges Büro, aber der Bereich der Dienststellenleitung war abgetrennt und bot etwas Privatsphäre.
Hansen hatte die Wache mit einem kleinen Karton unter dem Arm verlassen. Er würde morgen vorbeischauen, um einen auszugeben.
Bente überlegte, wie sie sich ihren letzten Tag bei der Polizei wünschen würde.
Hansen war 40 Jahre bei dem Verein gewesen und würde morgen ohne großes Brimborium gehen. An einem Montag.
Bente hoffte, dass die Kollegen etwas vorbereitet hatten und eine kleine Feier stattfinden würde. Während sie darüber nachdachte, hörte sie die Tür ins Schloss fallen. Das konnte nur ein Kollege sein, alle anderen mussten am Wochenende anrufen oder den Klingelknopf drücken.
»Hallo? Irgendwas vergessen?«, rief sie von ihrem Schreibtisch aus.
Heike trat in ihr Büro und klatschte freudig in die Hände, als sie die Überraschung in Bentes Gesicht sah.
»Was machst du hier?«
»Bevor ich in meiner Mini-Wohnung allein rumsitze, kann ich genauso gut mit dir zusammen im Mini-Container rumsitzen!«
Bente war versucht, ihr nahezulegen, sie beim Vornamen anzusprechen, aber mittlerweile hatte sie sich fast an dieses Brodersen gewöhnt.
»Oder willst du lieber allein sein?«
»Nein, ich freu mich und Ulrike offensichtlich auch.«
Die Hündin scharwenzelte um Heike rum.
»Mir geht das Blut auf der Strickjacke nicht aus dem Sinn.«
»Wem sagst du das? Ich war zweimal am Strand spazieren und es lässt mich immer noch nicht los!«
Heike ließ sich auf einen der Bürostühle fallen.
»Und vor allen Dingen: wessen Blut ist das? Ihres kann es ja schlecht sein, sie ist schwanger.«
»Die Hinweise lassen nur einen Schluss zu. Einem Verbrechen wird sie nicht zum Opfer gefallen sein. Freitag hat sie Torben Niemann angerufen, Samstagnacht stand sie vor der Tür von Herrn Markmann und nun stammt das Blut gar nicht von einer Verletzung. Warum dann diese blutige Strickjacke in der Nähe des Larsenhauses?«
»Ohne diese Blutuntersuchung würden wir sie für tot halten, richtig?«
Heike nickte.
»Warum also will sie für tot gehalten werden? Wem bringt das was?«
Bente raufte sich die Haare.
»Zumal die echte Juliette Durand seit 5 Jahren tot ist.«
»Wenn wir es logisch betrachten, hat uns die blutige Strickjacke doch auf eine Spur gebracht.«
»Auf welche?«
»Vielleicht sollten wir die tote Juliette Durand finden?«
»Boah, das ist mir alles zu hoch. Lass uns morgen weiterdenken.«
Heike erhob sich gähnend.
»Bist du mit dem Rad? Wenn du magst, begleiten Ulrike und ich dich wieder nachhause.«
»Die Polizei, dein Freund und Helfer!«, strahlte sie Bente an und freute sich offensichtlich.
Als Bente in dem kargen Dienstzimmer im Bett lag und die blecherne Decke anstarrte, stupste Ulrike ihre Hand an. Sie wusste, wie sie sich ihre Streicheleinheiten abholte.
»Braves Mädchen, morgen ziehen wir endlich in unsere eigene Wohnung.«
Ulrike schnüffelte lautstark an ihrer Weste, die sie an den Bettpfosten gehängt hatte.
»Du riechst die Leckerli, nicht wahr? Wenn du nicht aufpasst, wirst du zu dick!«
Bente streckte sich, langte mit einer Hand nach der Weste und holte einen Hundekeks hervor.
Sie liebte es, wenn die feuchtglänzende Hundenase jede ihrer Bewegungen aufmerksam verfolgte.
Das ist es!
Wir werden an der Nase herumgeführt!
27
Bente saß mit einem Coffee-to-go am Strand und ließ sich von den ersten Sonnenstrahlen wärmen, während Ulrike die Möwen jagte.
Zu dieser frühen Stunde waren nur einige Hartgesottene am Strand, um ein Bad in der 10 Grad kalten Nordsee zu nehmen. Ulrike schloss sich ihnen an.
Einige der Morgenschwimmer freuten sich über Ulrikes Gesellschaft, aber Bente hörte auch ärgerliche Stimmen.
»Hunde sind hier verboten!«
»Man sollte die Polizei holen!«
Bente ignorierte sie einfach.
Ja, Hunde waren an diesem Strandabschnitt nicht erlaubt, aber es war früh morgens und außerdem war sie die Polizei. Punkt.
In der Wache schickte sie Ulrike sofort unter ihren Schreibtisch. Auch wenn es ihr nichts ausmachte, war der Geruch nach nassem Hund für die Kollegen vielleicht eine Zumutung.
Um 9 Uhr waren alle Kollegen der Wache Sylt versammelt, um den alten Hansen zu verabschieden. Witzige Reden und Anekdoten wurden vorgetragen und es gab belegte Brötchen. Dazu stießen sie mit Mineralwasser und Kaffee an.
Bente sah, dass Hansens Augen vor Rührung glänzten und freute sich für ihn.
»Versucht nicht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich werde weder euch noch das Klingeln des Telefons vermissen! Schließlich heißt es RUHEstand!«, grummelte er hinter seinem Bart hervor.
»Und wehe, ihr ruft mich an und fragt dummes Zeug! Auch du nicht, Brodersen!«
»Da kannst du lange warten!«, frotzelte Bente.
»Hört mal alle her!«
Hansens Stimme donnerte durch die Wache und sofort war es mucksmäuschenstill.
»Ihr wisst, dass ich nie einen Hehl daraus gemacht habe, meine Meinung zu Frauen bei der Polizei kundzutun und ich hatte auch nicht vor, meine Ansicht zu diesem Thema noch zu ändern! Und nun folgt mir ausgerechnet eine Frau auf diesen Posten!«
Bente schluckte ihren Ärger herunter.
Das war also seine Art, sie als Nachfolgerin vorzustellen?
Toll! Danke dafür!
»Aber so kann man sich täuschen!«, fuhr er fort. »Seit drei Tagen bin ich dabei, meine Ansicht zu überdenken!«
Der Ernst in seiner Stimme war nicht zu überhören und alle hörten ihm gebannt zu.
»Ganz langsam natürlich!«, fügte er lachend an.
»Brodersen, du bist genau richtig in diesem Verein!«
Damit prostete er ihr mit einem Augenzwinkern zu.
Dann holte er ein Leckerli heraus, hielt es Ulrike hin und murmelte:
»Vielleicht werde ich dich ab und zu hier besuchen.«28
Die nächste Woche verging wie im Flug. Bente erledigte die anfallende Schreibarbeit, sprach einzeln mit allen Kollegen, um von deren Arbeitsalltag zu hören, und las sich durch die Akten.
Am Montagabend hatte sie mit Ulrike ihre Wohnung bezogen. Die Umzugsfirma war erst um 21 Uhr fertig mit dem Aufstellen des Bettes und Zusammenbau der Schränke gewesen, aber Bente hatte sich gefreut, nicht mehr in der Wache schlafen zu müssen.
Die folgenden Tage verbrachte sie den Feierabend mit Auspacken, Einräumen und Einkaufen.
Die Laborergebnisse hatten den vermeintlichen Tathergang bestätigt. Es passte alles zusammen und am Ende der Woche galt der Fall als gelöst und abgeschlossen.
Alle Fingerabdrücke, Fasern und DNA-Spuren passten zu Lisa Sellering als Täterin.
Bente war dennoch nicht zufrieden. Irgendetwas hatte sie übersehen!
Die Vermisstenanzeige von Juliette Durand lag in den Akten und würde irgendwann im Polizeiarchiv untergehen.
Am Freitagnachmittag tauchte Hansen unangemeldet und überraschend auf der Dienststelle auf.
Natürlich wurde er am freudigsten von Ulrike begrüßt, für die er eine halbe Frikadelle mitgebracht hatte.
»Na, Hansen, Sehnsucht?«
Heike begrüßte ihn kurz und knapp, konnte aber ihre Freude über seinen Besuch nicht verbergen.
»Ist das ein Kontrollbesuch?«, fragte Bente und grinste ihn fröhlich an.
»Ich sagte doch, ich werde Ulrike ab und an besuchen!«, lachte er.
»Aber ich bin tatsächlich dienstlich hier! Mich hat vorhin ein alter Schulfreund angerufen.«
»Ich wusste nicht, dass es noch Überlebende gibt!«
Heike freute sich über ihren Witz wie ein Honigkuchenpferd.
»Vorsicht, Röder! Hat dir niemand Respekt vorm Alter beigebracht?«
Genau diesen trockenen Humor liebte Bente.
»Er möchte eine Aussage machen, aber da ich nicht mehr im Dienst bin, habe ich ihn an dich verwiesen, Brodersen. Er muss jeden Moment…«
In diesem Augenblick betrat ein Mann die Wache.
»Hinnerk, was brauchst du so lang?«, stichelte Hansen.
»Ich wohne eine Straße weiter als du, da kann ich auch nach dir hier aufschlagen!«
»Das ist Hinnerk, Dr. Hinnerk Jörgens.«
Bente sah die beiden frotzelnden Rentner an.
»Brodersen, worum gehts?«
»Ich bin Urologe und habe eine Praxis in List. Nur Privatpatienten!«
»Wieso behandeln sie keine Normalbürger?«, fragte Bente angriffslustig.
»Normalbürger sind mir einfach zu arm!«
Er sagte das, ohne den Blick von ihr zu wenden. Bente starrte zurück.
»Es gab leider keine Kassenzulassung für einen weiteren Urologen auf der Insel. Deshalb hatte ich keine andere Wahl.«
»Du Armer!«, bedauerte Hansen ihn augenrollend.
»Könnten wir zum Punkt kommen?«
Bente hatte genug von dem Geplänkel.
»Siehst du, ich hab ja gesagt, die ist schlimmer, als ich je war!«
Hansen zwinkerte seinem Freund zu.
»Entschuldigen Sie, Frau Brodersen. Ich habe gehört, dass Larsens vermisstes Au-pair-Mädchen schwanger sein soll, stimmt das?«
Bente warf Hansen einen bösen Blick zu.
»Das sind Ermittlungsdetails, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind!«
»Sieh mich nicht so an, Brodersen, ich wars nicht!«
Hansen hob die Hände.
»Das stimmt, ich habe das Gerücht in der Praxis gehört.«
»Welches Gerücht genau?«
»Dass Benno Larsen sein Au-pair-Mädchen geschwängert haben soll. Deshalb habe ich mich entschlossen, meine ärztliche Schweigepflicht in diesem Fall zu brechen und eine Aussage zu Protokoll zu geben.«
»In welchem Fall?«
»Benno Larsen. Er war mein Patient und ich habe bei ihm vor drei Jahren eine Vasektomie vorgenommen.«
Bente stand der Mund offen. Für den Moment war sie sprachlos.
»Das ist, wenn beim Mann…«, erklärte Hansen.
»Ich weiß, was eine Vasektomie ist, Hansen!«, unterbrach sie ihn barsch.
»Er hatte um absolute Diskretion gebeten, nicht mal seiner Frau wollte er davon erzählen, aber viele Männer hüten ihre Sterilisation wie ein Staatsgeheimnis.«, fuhr Jörgens fort.
»Das bedeutet, Juliette Durand kann nicht von Benno Larsen schwanger sein!«
»Korrekt!«
Bente schüttelte unwirsch den Kopf.
»Danke, Dr. Jörgens! Meine Kollegin nimmt Ihre Aussage auf, Hansen zeigt Ihnen den Weg.«
Ulrike bekam ein letztes Leckerli und die Männer verschwanden.
Das ergibt alles keinen Sinn!
Wer sonst könnte der Vater sein?
Die Fotos von Lisa Sellering waren eindeutig, oder?
Als Hansen und Jörgens die Wache verlassen hatten, rief Bente Heike zu sich.
»Warum sind wir davon ausgegangen, dass Benno Larsen der Vater des Kindes ist?«
»Weil wir die Fotos haben und sowohl Dreesen als auch Niemann von seinen Affären gesprochen haben. Dazu der aktuelle Teststreifen in ihrer Wohnung im Larsenhaus und ihr Verschwinden – das passte einfach alles!«
»Er selbst hatte es abgestritten und seine Frau hatte es auch nicht geglaubt. Weshalb haben wir es dann geglaubt?«
Heike rief auf dem Rechner den Ordner mit den Fotos auf und ließ die Diashow ablaufen.
Bente setzte sich neben sie vor den Bildschirm.
Alle Fotos, die die beiden zusammen zeigten, waren, objektiv betrachtet, harmlos. Auf keinem war zu sehen, dass Zärtlichkeiten ausgetauscht wurden. Kein Kuss, keine Umarmung.
»Nur, wenn man weiß, dass sie schwanger ist und die Aussagen über die Affären Benno Larsens damit in Verbindung bringt, wird aus den Fotos eine traute Zweisamkeit, die nüchtern betrachtet gar nicht vorhanden ist!«
»Wir werden an der Nase herumgeführt!«, murmelte Bente leise vor sich hin.
»Aber von wem und warum?«
»Vielleicht von Juliette Durand! Sie hat uns von Anfang an hinters Licht geführt. Sie muss ein Motiv haben!«
Bente nahm ihr Handy und wählte die eingespeicherte Nummer des Cropinos.
»Brodersen, einmal die Nummer 13, wie üblich!«
Schon nach einer Woche war sie Stammkundin beim Pizzadienst. Bei den Kollegen galt sie als Pizzajunkie.
Heike sah sie erstaunt an.
»Es wird ne lange Nacht, ich suche das Motiv, das muss hier irgendwo in den Akten versteckt sein, ich habs nur nicht erkannt.«
»Ich nehme die 7! Wir suchen zusammen!«
Bente drückte auf Wahlwiederholung.
»Und die 7!«
In Kooperation mit der Krimi-Autorin Krinke Rehberg präsentieren wir Ihnen den fesselnden Syltkrimi Dünengrab in mehreren Teilen. Jeden Samstag erscheint morgens ab 8.00 Uhr ein neuer Teil, des SyltKrimis. Lehnen Sie sich zurück, lassen Sie sich mitreißen und verpassen Sie Woche für Woche keine Folge des SyltKrimis. Wir lesen uns am kommenden Samstag mit Folge 25 wieder. Titelbild: Unis Riba/Shutterstock.com.