Syltexklusiv ist jetzt seit über einem Jahr online – und auch wir sind seit über einem Jahr auf der Insel unterwegs, beobachten, hinterfragen und berichten über das, was aus unserer Sicht wirklich erzählenswert ist. Kein Boulevard, kein Clickbait, sondern das, was wir selbst gerne lesen würden.
Als Verleger und Journalist ist es uns heute ein Anliegen, euch einmal einen Blick hinter die Kulissen der Medienwelt zu geben. Warum setzen so viele Medien auf Clickbaiting? Warum halten sich scheinbar „dumme“ Artikel so hartnäckig? Und was hat das alles mit Werbegeldern, Reichweite und unserer Aufmerksamkeit zu tun? Mit diesem Artikel wollen wir euch ein wenig aufschlauen – ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit einem offenen Blick auf ein Phänomen, das uns alle betrifft.
Einleitung
Manche erinnern sich vielleicht noch an Plattformen wie heftig, die mit Überschriften wie „Bei Punkt 4 traute ich meinen Augen nicht“ regelrecht Klick-Geschichte geschrieben haben. Diese reißerischen Titel sind ein Paradebeispiel für eine Praxis, die sich mittlerweile tief in unsere Onlinekultur gefressen hat: Clickbaiting. Was früher vor allem auf Nachrichtenseiten für Aufmerksamkeit sorgte, hat heute längst auch soziale Medien erobert. Und obwohl viele sich darüber aufregen, funktioniert es nach wie vor erstaunlich gut. Warum? Weil es Klicks bringt – und die sind, im digitalen Geschäft, bares Geld wert.
1. Was ist Clickbaiting überhaupt?
Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern „Click“ (Klick) und „Bait“ (Köder) zusammen – und genau darum geht es: Nutzer mit spektakulären, provokanten oder extrem neugierig machenden Überschriften auf Inhalte zu locken, die oft gar nicht das halten, was versprochen wird. Die Praxis ist weit verbreitet – im Journalismus, auf Blogs, bei Influencern, in Videos, Memes, Tweets und Postings.
2. Warum wird das gemacht – und warum klappt es?
Das Prinzip ist so simpel wie effektiv: Je mehr Menschen klicken, desto mehr Traffic landet auf einer Seite oder einem Profil. Und Traffic ist im Online-Bereich eine der wichtigsten Währungen. Wer Werbeflächen verkauft oder durch Reichweite Geld verdient, der weiß: Es macht einen Unterschied, ob 10.000 Leute drei Minuten bleiben oder 500.000 nur zehn Sekunden. Natürlich wäre eine engagierte Zielgruppe besser – aber bei trafficgetriebenen Werbemodellen zählt allein die Masse.
Und genau deshalb funktioniert Clickbaiting auch so gut. Nutzer werden mit emotionalen Hooks eingefangen – und ob am Ende ein flacher Witz, ein Katzenvideo oder ein windiger Promi-Skandal wartet, spielt oft keine Rolle. Hauptsache, es wird geklickt.
3. Wie Journalismus auf Clickbait setzt
Im digitalen Journalismus hat sich Clickbaiting regelrecht etabliert. Der Druck, online präsent zu sein und Klickzahlen zu liefern, ist groß. Redaktionen optimieren ihre Überschriften für maximale Aufmerksamkeit. Inhalte werden oft so formuliert, dass sie möglichst „teilenstark“ wirken – also emotional, polarisierend, mit einer klaren Meinung oder einer kuriosen Überraschung. Substanz ist da manchmal zweitrangig.
Es gibt eine gewisse Sensationsgier – bei Leserinnen und Lesern ebenso wie bei Redaktionen. Themen, die „ziehen“, werden immer wieder aufgewärmt. Auf Sylt z. B. tauchen bestimmte Skandale oder Promi-Geschichten regelmäßig in den Schlagzeilen auf. Denn sie funktionieren. Selbst wenn kaum Neues drinsteht, sorgt die richtige Formulierung für Klicks.
4. Die Rolle der sozialen Medien
Auch in den sozialen Medien spielt Clickbait eine zentrale Rolle. Plattformen wie Instagram, TikTok, Facebook oder X (ehemals Twitter) leben davon, dass Nutzer möglichst viel Zeit auf ihnen verbringen. Externe Links, die einen von der Plattform wegführen, werden oft benachteiligt – weil sie die Aufenthaltsdauer verringern und somit schlecht für die Werbeumsätze der Plattform sind.
Das hat zur Folge, dass auch Creator immer mehr darauf achten, Nutzer mit kurzen, prägnanten, provokanten Aussagen direkt auf der Plattform zu fesseln. Wer Reichweite will, braucht Interaktion – also Likes, Shares, Kommentare. Das erreicht man entweder mit hochwertigen Inhalten oder mit bewusst polarisierenden Aussagen. Und nicht jeder entscheidet sich dabei für den ehrlichen Weg.
5. Ego, Likes und Follower: Die menschliche Seite
Wer sich auf Social Media bewegt, kennt den Sog: Man will Follower, man will Sichtbarkeit, man will Reaktionen. Und ja, das Ego spielt mit. Es ist verlockend, Inhalte zu posten, die provozieren, die Diskussionen auslösen – selbst wenn sie polarisieren oder über das Ziel hinausschießen. Denn provokante Aussagen generieren mehr Interaktion als sachliche. Und viele denken: Wenn ein Account viele Follower hat, muss er gut sein. Das ist ein Trugschluss – aber ein weit verbreiteter.
Clickbaiting ist in diesem Kontext ein Mittel zum Zweck. Wer wachsen will, muss liefern. Und manchmal heißt das eben: den schnellen Weg nehmen.
6. Die Psychologie dahinter
Clickbait funktioniert, weil es mit unseren Emotionen spielt. Neugier ist einer der stärksten Triebe im menschlichen Verhalten. Wenn eine Headline sagt: „Das musst du gesehen haben – was dann passiert, ist unfassbar“, dann will man wissen, was es ist. Selbst wenn man am Ende enttäuscht ist – geklickt hat man trotzdem.
Hinzu kommt: Inhalte, die starke Emotionen wie Wut, Überraschung oder Freude auslösen, werden häufiger geteilt. Und geteilte Inhalte bekommen mehr Reichweite. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
7. Was das mit unserer Medienwelt macht
Das Problem an der Sache: Clickbaiting verwässert die Qualität. Inhalte werden auf Effekt getrimmt statt auf Information. Das Vertrauen in Medien leidet. Leser fühlen sich veräppelt, wenn der Inhalt hinter einer reißerischen Schlagzeile kaum Substanz hat.
Zudem entsteht eine Überflutung mit irrelevanten oder halbgaren Inhalten. Die wirklich wichtigen Nachrichten gehen unter, während die Timeline voll ist mit „Du glaubst nicht, was als Nächstes passiert!“.
8. Gibt es Auswege?
Einfach wird es nicht – denn das System belohnt Clickbait. Wer im Netz Geld verdienen will, muss das Spiel ein Stück weit mitspielen. Aber es gibt auch Gegenbewegungen: Content, der Mehrwert bietet, der ehrlich ist, der gut recherchiert ist, wird oft langfristig besser wahrgenommen. Einige Nutzer beginnen, gezielter auszuwählen, wem sie folgen und was sie konsumieren.
Aufklärung spielt dabei eine wichtige Rolle. Wer weiß, wie Clickbait funktioniert, erkennt es schneller – und klickt seltener darauf.
Nichts spricht gegen Artikel wie „Instagram: 10 Content-Ideen, die deine Community begeistern werden!“
Wenn der Artikel hält was die Überschrift verspricht.
Fazit
Clickbaiting ist eine Realität im digitalen Alltag – im Journalismus wie in sozialen Netzwerken. Es ist nicht schön, aber es funktioniert. Die Mechanismen dahinter sind psychologisch nachvollziehbar, die wirtschaftlichen Anreize offensichtlich. Solange Klicks Geld bedeuten, wird sich daran kaum etwas ändern. Aber: Wer das Spiel durchschaut, kann bewusster damit umgehen – und vielleicht dazu beitragen, dass Inhalte mit echtem Wert wieder stärker in den Fokus rücken. Denn am Ende entscheiden wir alle mit, was wir konsumieren – und was nicht.
Achtet einmal drauf.